Verzweifeltes Hoffen auf Vampirbiss

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Di, 14. März 2017

Kirchzarten

Zwei Stunden unterhaltsam-intelligentes Kabarett von Marc Hofmann in der Rainhofscheune in Kirchzarten.

KIRCHZARTEN. Marc Hofmann, Vielschreiber, Kabarettist, Singer, Songwriter und im Hauptberuf Lehrer im Kolleg St. Sebastian in Stegen, ist hauptsächlich durch seine "Klassenfeind"-betitelten Programme bekannt. Diese leben von ironisch-witziger bis zynischer Verarbeitung von Standardsituationen im Schulalltag, die nach seinen Aussagen "keiner einem glaubt, der nicht selbst Lehrer ist". In der Rainhofscheune präsentierte der aus Buggingen stammende und heute in Kirchzarten wohnende Entertainer "Erfundene Wahrheiten".

Sein erstes Lied "Ich erhoffe mir Erlösung durch einen Vampirbiss" kam einem programmatischen Umriss des gesamten Abends gleich. Da werden unter der Wunscheinleitung "Ich wollte schon immer..." allerlei gute Vorsätze aufgezählt, wie mehr Sport machen, gesünder leben, weniger Fleisch essen, dem geliebten Menschen dieses öfter versichern. Und schließlich wartet auch noch die längst fällige Steuererklärung, aber "Ich komm nicht dazu", denn das Leben ist viel zu kurz. Ein Minimum von 800 Jahren wird gefordert und das ist schließlich nur durch einen Vampirbiss zu erlangen.

Dieser Zusammenhang von – nach Hofmanns Worten – "innerem Psychoclown und dem Irrsinn draußen", von eigener Biografie und Alltagsfiktion zog sich wie ein roter Faden durch das Programm. Dramaturgisch mischte er dafür verschiedene, mehrfach wiederkehrende Textmuster und schob seine eigenen Songs zur Gitarre dazwischen. Eines dieser Formelemente hatte die Überschrift: Man darf nicht immer alles sagen! Auf die Frage der Kinder nach dem zehnten Besuch des Mundenhofs liege einem im Normalfall auf der Zunge, dass das gelangweilte Starren der eingepferchten Tiere den Sonntag vergällt, dass die Erdmännchen keineswegs niedlich seien sondern nur dumm rumstehen und ähnliches mehr. Die Tirade geht noch längere Zeit weiter und gipfelt in der Feststellung, dass man sich lieber sämtliche Nägel ausreißen möchte, als sich diesen angeblichen Freizeitspaß erneut anzutun. Aber: Man antwortet in Wirklichkeit: "Na klar gehen wir hin." In ähnlicher Weise werden weitere vermeintlich angenehme Ereignisse wie die Einladung zum Brunch durch "gute Bekannte" verarbeitet. Immer wieder unternimmt Hofmann Reisen in die Kindheit und Jugend. Köstlich seine Darstellung der ersten Verliebtheit in einem adjektivischen Wortfeuerwerk, bei der "man zunächst miteinander ging" ohne zu wissen, ob das die Angehimmelte auch wusste und in einer fortgeschritteneren Phase im Kino ungefähr 20 Minuten nach Beginn des Hauptfilms den richtigen Zeitpunkt für das Ergreifen der Hand der Nachbarin erkannte. Die folgenden zaghaften Streichelversuche entwickelten sich bei Hofmann zum zwerchfellbelastenden Erotik-Thriller.

In der Rubrik Regionales setzt er unter anderem einer negativen Erfahrung mit dem Recyclinghof in Kirchzarten, "wo man ja fast nichts los wird" dessen Pendant in Titisee-Neustadt entgegen. Er preist die dort herrschende Willkommenskultur in höchsten Tönen, empfiehlt sie gar als potentielle Endlagerstätte für Atommüll. Mindestens erspare ein Besuch dort als Entspannungsquelle einen Besuch im Buddha-Haus.

Nachdenklicher sind seine Lieder. In einem wird aus Reiseerfahrungen das Fazit gezogen: "Will nicht mehr hin." Mangels Reisezielen macht er sich in Erwartung einer Win-win-Situation auf einen Ausflug in die eigene Seele, findet aber nur Spinnweben. Verdienstvoll auch seine Erinnerung, dass der den Nippel durch die Lasche ziehende Blödel Barde Mike Krüger auch einmal eine gute deutsche Interpretation des durchaus tragischen Johnny-Cash-Titels "A Boy named Sue" vorgelegt hatte, den er dann selbst vortrug.

All dies und vieles mehr kam zwei Stunden lang intelligent, humorvoll, hintergründig, selbstironisch, pointensicher witzig, sprachlich gekonnt und vor allem ohne jeden Griff vieler aktueller Comedians unter die Gürtellinie über die Rampe. Das eher aufgeklärt gebildet wirkende Publikum konnte sich oft selbst ertappen und in gefälliger Weise über sich lachen. Beste Unterhaltung also. Und doch: Man hätte sich da und dort gewünscht, dass einem das Lachen auch einmal im Halse stecken geblieben wäre.