Wenn der Geist nachlässt

Sophia Hesser

Von Sophia Hesser

Fr, 27. Oktober 2017

Kirchzarten

In der Birkenhof-WG für Demente müssen die Angehörigen für deren Eigenständigkeit mit anpacken.

KIRCHZARTEN. Ständig ist ein Strumpf weg oder jemand hat wieder mal keine Milch gekauft. Wer hat seinen Putzdienst nicht gemacht und wer hat eigentlich diese Woche Kochdienst? Das Leben in einer Wohngemeinschaft (WG) ist nicht leicht. Mehrere Menschen in einer Wohnung, da gibt es auch mal Ärger. Und wenn die Mitbewohner auch noch ständig irgendetwas vergessen, macht es das nicht gerade einfacher. Genau für solche vergesslichen Mitbewohner ist die WG im Birkenhof seit zehn Jahren da – für ihre dementen Bewohner und deren Angehörige.

Acht Zimmer gibt es in der ehemaligen Scheune in Kirchzarten-Burg. Jede Tür schmückt ein Schild. Irene von Kienles Schild zeigt zwei bunte Vögel. So findet sie ihr Zimmer. Sie wohnt noch nicht so lange in der WG und vergisst manchmal, welches ihr Zimmer ist. Irene von Kienle war Lehrerin. Und auch heute hat die 83-Jährige für jeden einen weisen Ratschlag. Sie macht sich Gedanken – trotz ihrer Demenz. "Unsere Grenzen werden hier akzeptiert", sagt sie. In der WG fühlt sie sich gut aufgehoben. Und weil sie ihre Vögel – die echten – und ihre eigenen Möbel hier hat, fühlt sie sich bereits richtig Zuhause.

Der Architekt hat einst bei der Sanierung der Scheune die Zimmer so angeordnet, dass sie durch einen Rundgang verbunden sind – so kann sich niemand verlaufen. Der Gemeinschaftsraum ist offen und großzügig gestaltet. Die Holzbalken des alten Gebäudes bringen Wärme, die alten Möbel und Sessel Gemütlichkeit, die offene Küche Lebendigkeit. "Die Bewohner sehen immer was los ist, wenn jemand kocht oder das Vesper zubereitet", erklärt Norbert Gehlen vom Vorstand des Vereins Labyrinth.

Der Verein hat die WG einst ins Leben gerufen, das war vor zehn Jahren. Die Idee: Alte Menschen mit Demenz können zusammen leben, jeder hat ein eigenes Zimmer, ein ambulanter Pflegedienst kümmert sich rund um die Uhr um die individuellen Bedürfnisse. Ehrenamtliche kommen zum Spazierengehen oder Spielen. Ein Arzt schaut regelmäßig nach dem Rechten. Und dann sind da noch die Angehörigen, ohne die es nicht gehen würde. Abwechselnd machen sie den Großeinkauf, übernehmen den Kochdienst und kümmern sich selbst um die Wäsche und die Sauberkeit im Zimmer von Vater oder Mutter. Das bedeutet natürlich Arbeit, weiß Gernot Buchner. Und doch könnte er sich für seine Mutter, die ihn meist gar nicht erkennt, nichts besseres vorstellen. Als die Diagnose Alzheimer vor zehn Jahren da war, war für ihn und die Schwester klar, dass die Mutter nicht zuhause bleiben kann. Doch sie war noch so mobil. Die Lösung war dann die WG in Burg.

Hier erhält die heute 86-Jährige die Betreuung, die sie braucht, hat Mitbewohner, mit denen sie sprechen kann, bekommt Essen und Pflege. Und trotzdem kann sie morgens liegen bleiben solange sie möchte, kann im Bett essen, kann im Schlafanzug am großen Esstisch sitzen und erst später gewaschen werden – wenn sie das will. Das Pflegeteam richtet sich individuell nach den Bewohnern und ihren Launen. Das macht den Unterschied zum Pflegeheim, wissen auch die Angehörigen, die diese Art der Betreuung kennen und sich bewusst gegen das Heim und für die WG entschieden haben.

Ein Nein der Bewohner wird akzeptiert

Stichwort Individualität: "Es gibt nicht die eine Demenz", sagt Lisa Bodsworth. Sie ist Altenpflegerin in der WG und im Vorstand von Labyrinth tätig. Man müsse die Symptome eines einzelnen kennen und könne dann auf die Bedürfnisse eingehen. Herausforderungen gebe es täglich: Da gibt es Bewohner, die ständig Unverständliches sprechen – und nicht aufhören damit. Bewohner, die schreien, sich bei Toilettengängen wehren, die nicht angezogen werden wollen. Ein Nein wird dann akzeptiert und manchmal ist es wenige Minuten später vom Bewohner auch schon wieder vergessen.

Lisa Bodsworth erinnert sich noch gut an die Anfänge in der Birkenhof-WG: "Alle waren noch relativ fit, da haben wir viele Spiele gemacht und waren aktiv." Die Bewohner wurden älter, brauchten mehr Pflege, viele leben nicht mehr, neue Bewohner sind eingezogen. Dass man einmal den Hospizdienst hinzurufen muss, war am Anfang niemandem so richtig bewusst. Aber auch das gehört zur Birkenhof-WG dazu: Dass man Abschied nehmen muss – zunächst von einem Menschen, der sich an alles erinnert, und dann auch von einem Menschen, der für immer geht.

Benefizkonzert zum zehnjährigen Bestehen des Birkenhofs mit der Freiburger A-capella-Gruppe "Öl des Südens" am Samstag, 28. Oktober, 19 Uhr, in der Große Stube der Talvogtei in Kirchzarten. Eintritt zwölf Euro, ermäßigt acht Euro. Mehr Infos zum Verein und zum Konzert gibt es im Internet unter http://www.labyrinth-freiburg.de