Kritik an "Rückwärtsbewegung" der Bildungspolitik

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Mi, 13. Juni 2018

Breisach

Ex-Kultusminister Andreas Stoch beklagt bei seinem Besuch in Breisach Lücken und Irrwege und fordert mehr Investitionen.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Als "Reisender in Sachen Bildung" sieht sich der ehemalige Kultusminister und aktuelle Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Andreas Stoch, auch gut zwei Jahre nach Ende seiner Amtszeit. Auf Einladung der SPD-Kreisvorsitzenden Birte Könnecke hatte er Station in Breisach gemacht, um darzulegen, wohin die Reise in Sachen Schul- und Bildungspolitik seiner Auffassung nach gehen könnte und müsste. Neben der Forderung nach deutlichen Mehrausgaben fürs Bildungssystem übte Stoch Kritik am Kurs der Kultusministerin.

"Ich möchte Impulse zum Thema Bildungspolitik geben und mit ihnen ins Gespräch kommen, statt stundenlang zu reden", versprach der Landtagsabgeordnete den knapp drei Dutzend Zuhörern. Zunächst beklagte Stoch, dass Deutschland mit jährlichen Investitionen von 20 Milliarden Euro in das Bildungssystem auf dem letzten Rang der OECD-Staaten rangiere und der Bildungsbegriff hierzulande viel zu eng gefasst sei. "Bildung geht über die (Hoch-) Schule hinaus und beginnt vor der Grundschule", gab sich Stoch überzeugt. "Wir müssen die frühkindliche Bildung stärker in den Blick nehmen", zumal "die Veränderungen in der Gesellschaft hinsichtlich der Sozio-Struktur" im Verlauf der vergangenen Jahre rasant gewesen seien. "Kinder kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule", konstatierte der ehemalige Kultusminister. Anstelle der Umsetzung des bereits in der Landesverfassung von 1953 festgehaltenen Passus "Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung" gebe es ein weiteres Auseinanderdriften der Chancen, bemängelte Stoch. Dies wiederum sei nicht zuletzt der seiner Ansicht nach viel zu frühen Weichenstellung in Sachen weiterführende Schulen geschuldet.

Für verbindlichen Ganztagsschulbetrieb

Hatte die grün-rote Landesregierung mit der Einführung der Gemeinschaftsschule gegensteuern wollen, befände sich die aktuelle Landesregierung unter Kultusministerin Susanne Eisenmann wieder in einer Rückwärtsbewegung hin zum beibehalt des dreigliedrigen Schulsystems ab Klasse fünf. "Mit diesem Schulsystem kommen wir aber auf Dauer nicht weiter, auch weil wir mittlerweile ein Zuwanderungsland sind. Dafür haben wir aber kein passendes Bildungssystem", sagte Stoch.

Zudem habe das dreigliedrige Bildungssystem fast zum Aussterben der Hauptschulen gerade im ländlichen Raum geführt. "Von der Gemeinschaftsschule wurden Zerrbilder gezeichnet", bedauerte Stoch. Die Ganztagsschule sei in Baden-Württemberg "lange stiefmütterlich behandelt" behandelt und von der CDU als "defizitäres Thema begriffen" begriffen worden. Anstelle der von der Landesregierung favorisierten offenen Ganztagsschule, in der Stoch nur "einen Hort, der von Lehrern bestückt wird" sieht, setzt der SPD-Politiker auf den verbindlichen, rhythmisierten Ganztagsschulbetrieb.

In seiner Vision vom "Bildungssystem 4.0" möchte Andreas Stoch auch bereits im Arbeitsleben befindliche Menschen aufgehoben wissen, da "feste Berufsbilder schwinden" und lebenslanges Lernen an Bedeutung gewinne. "Wir müssen die Menschen gut auf den Weg bringen und in die Lage versetzen, sie durch Veränderungen zu begleiten. Wir müssen die Leute an Bord halten", erklärte Andreas Stoch. Der Politiker sprach sich für mehr Bildungsgerechtigkeit, aber gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aus.

Gut eine Stunde Zeit blieb den Anwesenden im Anschluss, um dem Bildungsreisenden noch Fragen zu stellen.