Auch mit 80 sieht sich Dietrich Elchlepp verpflichtet, mitzumischen

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Mi, 07. März 2018

Kreis Emmendingen

Für den Europa- und Bildungspolitiker war vor 50 Jahren der Ansatz, über die NPD aufzuklären, der gleiche, wie heute, um der AfD Paroli zu bieten.

DENZLINGEN. "Ich bin halber Engländer", erklärt Dietrich Elchlepp, nach seinen Wurzeln gefragt. Europäer zu sein, steckt dem Europa- und Bildungspolitiker, Kind eines Deutschen und einer Engländerin, quasi in den Genen. Der Blick für das Ganze, über Grenzen hinweg, begleitet ihn sein gesamtes Leben. Heute wird Elchlepp, der in Freiburg geboren wurde und seit 1972 in Denzlingen lebt, 80 Jahre alt.

"Nein, zu spüren bekommen hab ich es nie, dass meine Mutter Engländerin oder der Vater Deutscher ist", erinnert er sich an die Kindheit im Krieg, die er in Kirchzarten erlebte, aber auch an die gut eineinhalb Jahre, die er 1946/47 in England verbrachte. Für Elchlepp, von 1973 bis 2004 Mitarbeiter und zuletzt Referatsleiter im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, ist es noch heute "die schönste Schulzeit". Wenn er gegen 16 Uhr nachhause kam, hatte er wirklich frei, begründet er das. Der Schulranzen blieb in der Schule, die "Hausaufgaben" waren dort erlegt worden und auch die Mutter war frei von der Aufgabe, diese zu beaufsichtigen.

Die "spannendste und zugleich größte Aufgabe" seines beruflichen Lebens folgte knapp fünf Jahrzehnte später. Im Rahmen des Aufbauprogramms für Mittel- und Osteuropa war er zuständig für die berufliche Bildung und reiste, mit Vertretern anderer EU-Staaten, drei Jahre lang nach Estland, Lettland, Litauen, Polen, in die Tschechoslowakei und die Ukraine. "Ein Kapitel europäischer Geschichte, das bis heute weitestgehend noch im Dunkeln liegt", sagt er. Ganz bewusst sei damals nicht viel Aufhebens um dieses Engagement gemacht worden. In Deutschland, das die Last der Wiedervereinigung zu tragen hatte, sei Anfang der 90er Jahre Hilfe darüber hinaus nicht leicht vermittelbar gewesen. Bis heute jedoch pflege er "in dieser abenteuerlichen Zeit geschlossene Freundschaften".

Abenteuerlich, so erinnert er sich, sei auch sein politisches Engagement gewesen − und auch dabei wurde Geschichte geschrieben. Elchlepp war 1966 der SPD beigetreten, war mit dabei, als die Studenten aufs Land zogen und vor allem, als in Freiburg die "Bürgeraktion zum Schutz der Demokratie" gegründet wurde. Spätestens nach den Erfolgen der NPD bei den Landtagswahlen war zu befürchten, dass "Neonazis" in den Bundestag einzogen. Nicht stören, sondern aufklären, sei damals die Devise gewesen. Das Mittel im Kampf gegen rechtes Gedankengut, das zum Erfolg geführt habe. Die Alt- und Neonazis scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde. "Ungewollt verhalfen wir so der sozialliberalen Koalition zur Mehrheit, ansonsten wäre es wieder zu einer großen Koalition gekommen", sagt Elchlepp. Noch heute sind für ihn die Ereignisse von damals − die Aktion wurde 1970 mit dem Theodor-Heuss-Preis ausgezeichnet − ein Beispiel dafür, dass es möglich sei, "auch unterhalb der großen Entscheidungsebene Politik zu machen, die viel bewirkt".

Enttäuschend für ihn sei, dass ihm knapp 50 Jahre später wieder Parolen in den Ohren klingen, die denen der NPD von damals "ähnlich sind an Unbarmherzigkeit und Intoleranz". Dass es so sei, liege für ihn, der eigentlich Anwalt werden wollte und kurzzeitig Mitglied des Bundestags und des Europäischen Parlaments war, auch daran, "dass Politik die Menschen nicht mehr erreicht". Wenn die Politik Antworten auf die Sorgen der Menschen, auf Fragen in ihrem konkreten Lebensumfeld schuldig bleibe, hinterlasse sie ein Vakuum. Deshalb sei für ihn der Ansatz, der AfD Paroli zu bieten, der gleiche wie Ende der 1960er Jahre. "Wir müssen den Menschen vermitteln, was es für ihr Leben konkret bedeutet würde, könnte die AfD ihre Vorstellungen verwirklichen", fordert Elchlepp.

"Trotz meines Alters sehe ich mich auch als Staatsbürger verpflichtet, dabei mitzumischen." Materielle Wünsche zum Geburtstag hat Elchlepp keine. "Vielleicht ein paar leere Fotoalben, die ich füllen kann", denkt er daran, das, was sich im Laufe eines langen Lebens angesammelt hat, zu ordnen. Nicht für sich selbst, sondern "als Anregung, zum Mut machen, sich zu engagieren". Dass es dabei Geduld brauche, schnelle Erfolge sich meist nicht einstellen und Kompromisse als Zwischenschritte notwendig sind, sind für ihn dabei wesentliche Erkenntnisse.