"Der Film hat ja seine Längen"

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Sa, 08. September 2018

Kreis Emmendingen

Stanley Kubricks Science-Fiction-Meisterwerk "2001" wird 50 Jahre alt – und hat auch Filmemacher im Kreis nicht kalt gelassen.

KREIS EMMENDINGEN. Einer der rätselhaftesten und wichtigsten Filme der Geschichte wird 50 Jahre alt: Am 11. September 1968 wurde Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. Der Science-Fiction-Streifen, dessen erste Szene in grauer Vorzeit spielt, hat auch Filmemacher im Landkreis beeindruckt. Patrik Müller hat mit einigen über ihre Beziehung zum Film gesprochen und zur Sicherheit einen Philosophen angerufen – alle sind etwa so alt wie der Film.

Großes Gefühl von Raum
Ich kann die Science-Fiction-Filme, die ich im Leben gesehen habe, an einer Hand abzählen. "2001" hat mich aber beeindruckt – und zwar wegen des Raumeindrucks. Der Film ist dreidimensional, ohne Techniken des 3D-Kinos zu benutzen. Man sitzt im Kino und hat ein ganz großes Gefühl von Raum, man kann breit schauen und in die Tiefe gucken. Das sieht man schön in meiner Lieblingsszene: Ein Astronaut klettert aus dem Raumschiff, schwebt völlig frei durch den luftleeren Raum, man hört nur seinen Atem – diese Kombination aus Bild und Ton hat mich berührt. Ich finde es auch reizvoll, dass der Film ganz verschiedene Deutungen zulässt und den Zuschauern durch die langen Einstellungen tatsächlich Zeit lässt, ihn zu deuten. Ich werde ihn mir in den kommenden Tagen oder Wochen noch einmal anschauen: In meinem nächsten Film habe ich tatsächlich vor, in die Breite zu gehen – dann muss man die Bilder anders komponieren.
− Telemach Wiesinger (50) ist Fotokünstler und Filmemacher und lebt in Riegel. Er liebt Entschleunigung und Experimente: Einer seiner Kurzfilme trägt den Titel "Die Ankunft eines Zuges".

Begleiterin ist eingeschlafen
Der Film hat ja seine Längen. Ich habe ihn im Roxy in Waldkirch zum ersten Mal gesehen, irgendwann bei einer Wiederholung. Und ich weiß noch genau: Meine Begleiterin ist nach zehn Minuten eingeschlafen. Die kennt den Film bis heute nicht. Mich hat er gerade wegen seiner langen Einstellungen fasziniert – und wegen der Tricktechnik. In meiner Lieblingsszene ganz am Anfang sieht man eine Frau in einem Raumschiff, die mit einem Tablett in der Hand in einer sich drehenden Röhre an der Decke läuft – das ist wirklich abgefahren. Heute sehe ich die Langsamkeit des Filmes als schönen Gegensatz zu den kurzen und schnell geschnittenen Videos, die es im Netz gibt. Ich selbst versuche mehr und mehr, auch so zu filmen. In meinem Film "Planwagabunden" gibt es eine Szene, in der die Leute einfach nur dastehen und ein Zelt abbauen. Ich musste mit mir ringen, diese langatmige Szene drin zu lassen – aber sie gehört so in den Film.
− Mario Kanzinger (52) ist Dokumentarfilmer und Mediengestalter. Für seinen Film "Planwagabunden" hat der Teninger eine Gruppe begleitet, die einen Sommer lang mit dem Planwagen unterwegs war.

Wo kommt der Mensch her?
Ich habe den Film erst spät und mit dem Vorwissen gesehen, dass es der philosophischste Science-Fiction-Film sein soll. Das Witzige ist aber, dass Philosophie gemeinhin mit Diskursivität in Verbindung gebracht wird, mit Gesprächen über die großen Fragen also. Nun wird im Film aber so wenig geredet, dass es fast egal ist, in welcher Sprache man ihn sieht. Genau das macht jedoch den Reiz aus. Der Film nötigt die Zuschauer, sich selbst philosophische Fragen zu stellen, ohne das der Film diese ausformulieren müsste: Wo kommt der Mensch her? Wo geht er hin? Ist er alleine im Kosmos, gibt es eine höhere Macht? In der Einstiegsszene entdecken Urmenschen einen merkwürdigen Monolithen, der nicht von dieser Welt zu sein scheint – und kommen auf die Idee, Knochen als Waffen zu benutzen. Ist Entwicklung also auch immer zerstörerisch? Mich fasziniert der Film gerade, weil er sich jeder Eindeutigkeit verweigert.
− Andreas Urs Sommer (46) ist Professor für Philosophie in Freiburg. Der Nietzsche-Experte stammt aus der Schweiz und lebt seit zehn Jahren in Broggingen – begeistert, wie er sagt.