Den Anschluss wieder herstellen

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 18. Oktober 2011

Kreis Lörrach

Eine Studie der Wirtschaftsregion Südwest beleuchtet die Perspektiven der Chemieindustrie im Dreiländereck und am Hochrhein.

LÖRRACH. Die Chemieindustrie der Region fährt seit Jahren im Rückwärtsgang. Die Abbaupläne des Huntsman-Konzerns in Basel sind da nur das vorläufig letzte Glied einer Kette; auf deutscher Seite geht’s dem heutigen BASF- und früheren Ciba-Standort Grenzach-Wyhlen zum Beispiel nicht besser. Sind das Vorzeichen für das Ende der Chemieregion? Anja Obermann, Geschäftsführerin der Wirtschaftsregion Südwest (WSW), hat die Frage beleuchtet. Der Strukturwandel lässt sich nicht aufhalten, aber aktiver gestalten und so vielleicht dämpfen – vor allem auf deutscher Seite, lautet ihre Erkenntnis.

Die Chemieindustrie – Jahrzehnte das industrielle Rückgrat der Hochrheinregion – steckt seit Jahren in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Die Massenproduktion technisch eher einfacher Grundprodukte ist in Mitteleuropa inzwischen grundsätzlich kaum noch konkurrenzfähig. Die industriellen Keimzellen der Chemieregion Hochrhein – Schweizer Großkonzerne wie Novartis und Roche – haben denn auch schon vor zwei Jahrzehnten begonnen, sich auf das hochwertige Pharma- und Life Sciences-Geschäft zu konzentrieren. Die bei diesen Neuorientierungen abgespaltene klassische Chemie ist dagegen inzwischen aufgekauft worden, wie die Ciba, oder hat, wie Clariant, jahrelange Umstrukturierungen hinter sich, in deren Verlauf die Produktion in der Region weitgehend eingestellt und viele Arbeitsplätze abgebaut wurden.

Die Krise der Branche ist also mitnichten hausgemacht, aber sie hat gerade auf der deutschen Seite eine Reihe spezifischer Facetten. Das beginne damit, dass an Standorten hierzulande nach wie vor viele Produkte mit einer vergleichsweise niedrigen Wertschöpfung hergestellt wurden oder noch werden, analysiert Anja Obermann. "Viele Firmen haben es verpasst zu investieren", stellt die WSW-Geschäftsführerin dazu fest. Das wiederum korrespondiere damit, dass vor Ort häufig keine oder nur geringe Entscheidungsbefugnisse angesiedelt seien, befindet die Wirtschaftsförderin weiter. Im Grunde seien viele Standorte der sowieso sehr heterogenen Branche lange vor allem Türöffner der Schweizer Konzerne für die EU und den deutschen Markt gewesen. Doch mit der Annäherung der Schweiz an die EU oder gar der Übernahme der Firmen durch deutsche Konzerne, wie die BASF, habe diese Funktion an Wert verloren.

Was also tun? Einerseits gibt es aus Sicht der Wirtschaftsförderung durchaus Beispiele, den Strukturwandel erfolgreich zu gestalten – auch am deutschen Hochrhein, wie der Rheinfelder Standort des Evonik-Konzerns, der Innovation fördere und konsequent investiere. Darüber hinaus aber gelte es, um solche Tanker herum auch ein innovationsfreundlicheres Klima zu schaffen und mittelständische Strukturen zu fördern. Das jedoch brauche neue Impulse für die Aus- und Fortbildung und vor allem Entwicklungs- und Forschungskapazitäten – bis hin zur der andiskutierten und vom baden-württembergischen SPD-Justizminister Rainer Stickelberger unterstützen Ansiedlung eines Frauenhofer Instituts für molekulare Sensorik und Analytik in Lörrach. Zudem wäre ein zweites Gründungszentrum im Stil des Lörracher Innocel nötig, sagt Obermann, sozusagen ein Chemocel als Basis für kleine Start-up-Firmen.

Erste Ideen also gibt es: Doch lassen sich diese noch realisieren oder ist der Zug für die Chemie am Hochrhein bereits abgefahren? Der Frage will die WSW nächste Woche in einer Diskussion in Grenzach-Wyhlen nachgehen – einem Brennpunkt des Geschehens. Denn kaum eine Gemeinde im Kreis Lörrach wurde so von der Chemieindustrie geprägt und kaum eine leidet so unter deren Strukturwandel. Wobei es in dieser Diskussion natürlich keine Lösungen geben könne, betont Anja Obermann. "Es geht darum, die Diskussion überhaupt anzustoßen", sagt die Geschäftsführerin der WSW .

Die Zukunft der Chemieindustrie: Diskussion mit Vertretern der Industrie (DSM, Evonik), dem Arbeitgeberverband, der Politik (Jörg Lutz als Bürgermeister und Kreisrat) und der WSW. Mittwoch, 26. Oktober, 17.00 bis 19.30 Uhr, Haus der Begegnung (Scheffelstraße 3); Grenzach-Wyhlen.