Die Helfer begleiten, sie therapieren nicht

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Fr, 06. Oktober 2017

Kreis Lörrach

Diakonisches Werk baut psychosoziales Zentrum für geflüchtete Menschen auf / Erstes Projekt für traumatisierte Kinder.

LÖRRACH. Die Diakonie Lörrach ist gerade dabei, ein psychosoziales Zentrum für geflüchtete Menschen aufzubauen. Als erstes Projekt werden am 27. und 28. Oktober freiwillige ehrenamtliche Trauma-Helfer für die Gruppenbehandlung traumatisierter Kinder ausgebildet. Sie begleiten danach zunächst jeweils eines der neun Kinder der ersten Gruppe im Alter zwischen fünf und elf Jahren während der Therapie, also an zehn Terminen in Folge verbindlich. Auf jede Therapiestunde folgt eine etwa 45-minütige Supervision.

Die Helfer begleiten, sie therapieren nicht. Kinder- und Jugendtherapeutin Ulrike Kreis übernimmt in Lörrach den professionellen Part. Die Ausbildung erfolgt nach dem von Thomas Loew entwickelten "Regensburger Modell". Der Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Chefarzt am Universitätsklinikum Regensburg stellte diese Methode genauso wie die Erfahrungen in der Praxis am Mittwoch in der Stadtkirche Lörrach einem etwa hundertköpfigen interessierten Publikum vor.

Sowohl in seinem Film "Kriegsschauplatz Gehirn" als auch in seinem Vortrag arbeitete er heraus, wie wichtig so eine Behandlung bei traumatisierten Kindern ist. In Syrien, so rechnete er vor, gebe es aktuell 2,9 Millionen Mädchen und Jungen, die in ihrem Leben nur Konflikt- und Kriegserfahrungen gemacht haben. Und die hinterlassen tiefe Spuren in der Seele. "Wer so schlimme Ereignisse erlebt, wird in seinem Sein durcheinandergeschüttelt", so Thomas Loew. Depressionen und Schlaf- und andere schwerwiegende Störungen können die Folge sein. "Traumatisierung richtet in jeder Zell des Körpers Schaden an."

Man geht davon aus, dass etwa jedes 40. Flüchtlingskind traumatisiert ist und mittelfristig umfangreiche professionelle Hilfe benötigt. Bis dato haben sich bei der Diakonie Lörrach-Weil am Rhein, wie Projektleiterin Nazmije Mahmutaj berichtet, 25 Teilnehmer mit verschiedensten beruflichen Hintergründen zur Trauma-Helfer-Ausbildung angemeldet. Man habe die Kapazität für 50 und brauche diese auch für die für das kommende Jahr geplanten weiteren Gruppen für Kindergartenkinder und Jugendliche von 12 bis 18 Jahren. "Ohne die ehrenamtlichen Begleiter kann das Projekt nicht gelingen", sagt Mahmutaj. Ihre Kollegin Sarah Brown wird das Projekt im Rahmen ihrer Masterarbeit wissenschaftlich begleiten.

Thomas Loew erläuterte in der Stadtkirche auch die Inhalte des zweitägigen Kurses – angefangen bei Diagnostik über Retros, eine Checkliste für die Beurteilung von Kindern, das Reprocessing (Erinnerungen ordnen und wieder aufbereiten, ohne sie nochmals zu durchleben) bis hin zum Erlernen und Üben von Techniken wie entschleunigte Atmung oder die emotionale Entladung per Sure-Entspannung auch in der Selbsterfahrung oder die Vorbereitung von Schriftwechseln etwa mit der Krankenkasse. Insgesamt werden in dem Kurs 40 verschiedene Techniken erlernt, die man deeskalierend bei Kindern einsetzen kann.

"Wir lassen das Chichi weg und machen nur das, was wissenschaftlich belegt ist", versprach Loew den Interessenten. Nach der Ausbildung müsse jeder für sich überlegen, ob es das machen könne. 500 Seiten Hintergrundliteratur sollen dabei unterstützen. Da der Professor aufgrund eines Staus erst mit einer Stunde Verspätung in Lörrach ankam und auch die Technik für die Filmvorführung zunächst nicht funktionierte, waren ein paar Zuhörer schon gegangen.