Ein fast unbekanntes Ehrenamt

Rolf Reißmann

Von Rolf Reißmann

Di, 17. Februar 2015

Kreis Lörrach

Eine Diskussionsrunde mit Politikern befasste sich mit der rechtlichen Betreuung alleinstehender Menschen.

LÖRRACH. Die Zahl alleinstehender älterer Menschen steigt. Wenn diese ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können, sind mangels Angehörigen, die in der Nähe wohnen, Mitbürger gesucht, die diese begleiten und praktische Hilfe geben, falls notwendig sogar entscheiden. Wie schwierig es ist, den steigenden Bedarf ehrenamtlicher Betreuer zu decken, verdeutlichte eine Podiumsdiskussion im Landratsamt anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Betreuungsvereins des Landkreises.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Ulrich Lusche brachte gleich zu Beginn der Gesprächsrunde die vielfache Nutzung des Begriffes Betreuung ins Spiel. Es gehe eben nicht darum, jemandem die eine oder andere praktische Hilfe zu geben, sondern rechtliche Betreuer müssen verantwortlich handeln für solche Lebensbereiche, die Betreute nicht mehr allein schaffen. Das kann Therapien und Wohnungsangelegenheiten betreffen oder auch die Erledigung aller finanziellen Belange sein. Die alles nach Bestellung als Betreuer durch das Gericht. Anleitung und Hilfe dafür geben Betreuungsvereine, der des Landkreises wird in diesen Tagen 20 Jahre alt. Derzeit gehören ihm 70 ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer an, die insgesamt 143 Personen betreuen. Etwa 40 Personen kommen pro Jahr dazu. Insgesamt arbeiten in Baden-Württemberg 78 Betreuungsvereine. "Sie werden staunen," wandte sich Justizminister Rainer Stickelberger an die etwa 50 Zuhörer im Sitzungssaal des Landratsamtes, "für 111000 Personen sind in unsrem Land Betreuungen durch die Gerichte angeordnet, 2300 kommen aus dem Kreis Lörrach." Ein großer Teil davon wird ehrenamtlich erledigt, dennoch, so ergänzte der Justizminister, seien gerade die in seinem Bereich angesiedelten Betreuer und Bewährungshelfer die unbekanntesten Ehrenämter überhaupt. Deshalb widmete sich die Gesprächsrunde vorrangig der Frage, wie künftig weitere ehrenamtliche Betreuer gewonnen werden können. Amtsgerichtsdirektor Wolfram Lorenz nannte als Voraussetzung den gesunden Menschenverstand an erster Stelle. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Josha Frey sah vor allem Menschen, die in den Ruhestand wechseln durch ihre Lebenserfahrung und noch aktives Wissen aus der Berufstätigkeit als besonders gut geeignet. Die Besonderheit einer ehrenamtlichen Betreuung sei allerdings das entstehende persönliche Verhältnis. Gerade dadurch würden Betreuerinnen und Betreuer gewissermaßen zum Anwalt der betreuten Personen. Waltraud Hermann, Geschäftsführerin des Betreuungsvereins des Landkreises, wies darauf hin, dass auch Angehörige sich nicht immer gegenseitig vertreten können, auch innerhalb von Familien sind zunehmend rechtliche Betreuungen notwendig. Insgesamt wird der Bedarf in den kommenden Jahren weiter ansteigen. Vor allem Personen, die gleichermaßen kommunikativ und gewissenhaft sind, sollten ganz direkt für die Tätigkeit angesprochen werden. Vielfach, so bekräftigte SPD-Kreisrätin Gabriele Weber, kommen noch Erfahrungen aus Familie und Bekanntenkreis hinzu, die eine Entscheidung für dieses Ehrenamt fördern. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Vergütungspauschale von 399 Euro im Jahr kaum der Grund ist, eine Betreuung zu übernehme. Des öfteren sei es einfach die Verbundenheit zu einer Freundin, zu einer bekannten Person, um ihr weiterhin verbindlich Seite zu stehen, wenn sie in schwere Lebenssituation kommt.

Arno Müller, ehrenamtlicher Betreuer aus Lörrach-Brombach, sieht zwischen den Aufwendungen für ehrenamtliche (7 Millionen Euro im Jahr) und Berufsbetreuer (48 Millionen Euro) einen zu großem Unterschied. Seit Jahren führt Herbert Löffler aus Maulburg mehrere ehrenamtliche Betreuungen. Jedoch die Abrechnung der Ausgaben, die seine Aufwandspauschale überschreiten, bemängelt er als zu kompliziert. Auch hierbei sollten Ehrenamtliche eine Vereinfachung erfahren.

Alle Betreuer wünschen eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung der oft zeitaufwändigen Arbeit. Andreas Haug, Geschäftsführer des Betreuungsvereins SKM wandte sich deshalb in die Landtagsabgeordneten und die Landrätin mit dem Vorschlag, wie Blutspender auch ehrenamtliche Betreuer zu würdigen.