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04. Juli 2015

Eine alles vernetzende Revolution

Das regionale Netzwerk Connect Dreiländereck befasste sich in Lörrach mit dem Zukunftsthema Industrie 4.0 .

  1. So sieht die Industrie der Zukunft aus – auch Industrie 4.0 genannt. Foto: dpa

  2. In vielen Betrieben ist digitale Intelligenz längst angekommen. Foto: dpa/Annette Mahro

  3. Johann Hofmann Foto: Annette Mahro

LÖRRACH. Ein Schlagwort macht die Runde und jeder versteht etwas anderes darunter. "Industrie 4.0" hatte eigentlich ursprünglich die digital vernetzte und damit "intelligente" Fabrik im Sinn und wurde als Begriff erstmals an der Hannover-Messe 2011 verwendet. Längst ist der Funke aber auch auf andere Bereiche übergesprungen und war jetzt Thema bei einer Informationsveranstaltung, zu der das regionale Unternehmensnetzwerk Connect Dreiländereck in die Lörracher Duale Hochschule eingeladen hatte.

"Der Rohling sagt, was er werden will und steuert seine Anwendung selbst", so fasst Johann Hofmann die Vision zusammen, die er als Verantwortlicher für die vernetzte Produktion bei der Maschinenfabrik Rheinhausen seit Jahren verfolgt. Das intelligente Werkstück, das sich selbst durch Produktion und am besten auch noch durch die Auslieferung bis zum Kunden steuert, wäre für den Hauptredner des Abends das Optimum. Zweiflern, die sich um Arbeitsplätze sorgen und glauben, der Mensch werde in einer solchen Fertigung am Ende nicht mehr gebraucht, nimmt er den Wind aus den Segeln: Das Gegenteil sei der Fall. Das IT-erfahrene und oft auch -geplagte Auditorium ist geneigt, dem Redner hier Glauben zu schenken.

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Bevor sich aber das Auto selbst konstruiert, montiert und davonfährt, sind zwar noch Boxenstopps nötig. Die Anwendungsmöglichkeiten der digitalen Vernetzung aber sind schon heute grenzenlos, Rasenmähroboter und Konsorten oder die Warenversandverfolgung am Computer sind Allgemeingut und der sich selbst befüllende Kühlschrank wartet in greifbarer Zukunft. Neue Geschäftsmodelle lassen sich da im Überfluss entwickeln. Am Beispiel des eigenen Unternehmens, das weltweit bei einem Jahresumsatz von rund 650 Millionen Euro 2800 Mitarbeiter beschäftigt, blätterte Hofmann indes in den eigenen Erfahrungen zurück. Die erste Idee, alle Arbeitseinheiten bis zur Produktion zu vernetzten, führte schnell zu einem hoffnungslosen Wirrwarr von Verbindungen und Schnittstellen. "Je mehr vernetzt wird, umso unüberschaubarer wird das System", so Hofmann.

Eine von vielen Lösungen erkennt der Rheinhausener in der direkten Kommunikation aller Beteiligten nach dem Modell sozialer Netzwerke: "Bei uns chatten die Maschinen miteinander." Für unerlässlich, um sich in immer komplexeren Prozessen zurechtzufinden, hält Hofmann aber das Modell der Assistenzsysteme – ob sie der altbekannten mobilen Navigation im Stadtverkehr dienen oder die vierfach differenzierte Einwirkung der Bremskraft in Kurven steuern. Theoretisch gruppieren sich um Industrie 4.0 zahllose weitere Bausteine. Da gibt’s das "smarte Objekt", also etwa den Yoghurtbecher, der "weiß", ob er mit Erdbeere oder Banane befüllt werden will, oder "das Internet der Dinge", in dem beispielsweise die bereits in allen Teilen dauervernetzte Maschine vorkommt, die den eigenen Verschleiß überwacht sowie im Bedarfsfall Ersatz bestellt samt dem Techniker. Am Ende stehe, da kommt der Maschinenbauer ins Schwärmen, die "smart factory" oder intelligente Fabrik.

In Kurzreferaten stellten an der Dualen Hochschule Vertreter weiterer Unternehmen aus der Region ihre spezifischen Anwendungen vor. Andreas Buchdunger von der Endress+Hauser Infoserve berichtete etwa über webbasiert ständig mit aktuellen Informationen über Wartung und Kalibrierung ausgestattete E+H-Messgeräte, während Božo Cicak von der ebenfalls in Freiburg ansässigen Streck Transportgesellschaft zu den Grundlagen zurückführte. Dass die intelligente Fabrik ihre sich gleichsam selbst fertigenden Werkstücke auch mittels intelligenter Logistik zum Kunden gebracht wissen will, liegt auf der Hand. War die zeitgenaue Zulieferung von Teilen an die Produktionsstraße aber einst mit unkalkulierbaren Wartezeiten verbunden, lässt sich das System webbasiert weiter optimieren. Verbunden ist mit der Industrie 4.0-Idee indes auch weiter zunehmende Überwachung – der Preis noch jeder industriellen Revolution. Das galt angefangen bei der ersten, der Mechanisierung mittels Wasserkraft und Dampfmaschine über die Massenfertigung am Fließband bis zur digitalen Revolution und der aktuellen vierten, die alles und jeden vernetzende.

Autor: Annette Mahro