Menschenwürdig pflegen

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Di, 06. Mai 2014

Kreis Lörrach

Tagung diskutierte Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen.

LÖRRACH (BZ). Ob Bettgitter, Gurte an den Handgelenken oder Fußmanschetten – täglich werden in deutschen Heimen alte und behinderte Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Fixieren nennt man das im Fachjargon. Unter dem Titel "Werdenfelser Weg statt freiheitsentziehender Maßnahmen" hat das Landratsamt Lörrach dazu eine Fachtagung veranstaltet. Fast 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Pflege- und Behinderteneinrichtungen diskutierten bei dem Treffen über freiheitsentziehende Maßnahmen und erörterten Lösungen.

Das Fixieren diene zwar dem Schutz der meist dementen Patienten, da bei ihnen die Gefahr groß ist, dass sie weglaufen oder sich Verletzungen bei Stürzen zuziehen, heißt es in einer Mitteilung dazu. Es handle sich aber um schwere Eingriffe in die Würde des betroffenen Menschen. Dennoch ist es legale und verbreitete Praxis auch in der Altenpflege. Als alternatives Modell für die Pflegeheime des Landkreises stand bei der Tagung vor allem der titelgebende "Werdenfelser Weg" im Mittelpunkt des Interesses. Ziel dieses nach seinem Entstehungsort benannten Prinzips ist es, freiheitsbeschränkende Maßnahmen drastisch zu reduzieren und möglichst zu vermeiden. "Steht eine Fixierungsmaßnahme an, so muss diese nicht nur durch das Amtsgericht für einen begrenzten Zeitraum genehmigt werden, sondern es müssen zugleich Verfahrenspfleger eingesetzt werden, also pflegerisch geschulte Personen, die als Anwalt des Betroffenen auftreten und mit dem Heim, den Angehörigen und den Betreuern Alternativen zur Fixierungsmaßnahme suchen", erklärt Waltraud Hermann, Leiterin des Sachgebiets Behindertenhilfe & Betreuung des Landratsamts. Der entscheidende Unterschied zum normalen rechtlichen Betreuer sei, dass der Verfahrenspfleger in jedem Fall die Interessen des Betroffenen vertritt, während die Interessen des Betreuers und des Patienten nicht immer deckungsgleich sind – meist zu Ungunsten des Hilfsbedürftigen. So garantiert der "Werdenfelser Weg", dass Gerichte fundiert und im Sinne des Betroffenen über freiheitsentziehende Maßnahmen entscheiden können. Dieses Modell könne jedoch nur funktionieren, wenn die Pflegeeinrichtungen personell und materiell hinreichend ausgestattet seien. "Es muss ein Bewusstsein bei allen Beteiligten und in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung dafür entstehen, was menschenwürdige Pflege ausmacht, denn letztlich betrifft diese Frage alle von uns einmal", fordert Hermann.

Gabriele Klein, Richterin am Amtsgericht Schopfheim, klärte in ihrem Vortrag über die rechtlichen Grundlagen von Fixierungsmaßnahmen auf, plädierte jedoch ebenso für eine drastische Reduzierung dieser Maßnahmen: "Unser gemeinsames Ziel sollte sein, die rund 500 Fixierungen im Landkreis auf vielleicht 50 zu reduzieren." Keiner der Anwesenden aus dem Pflegedienst, so wurde immer wieder klar, geht leichtfertig mit der Fixierungspraxis um. Vielmehr, so der Tenor, sei es häufig ein Zeichen von Überforderung des Pflegepersonals, das aus Personal- und Zeitmangel nicht in der Lage ist, jedem einzelnen Heimbewohner die komplette Aufmerksamkeit zu widmen, die dieser verdiene und benötige.

Brigitte Hanske, Leiterin des Seniorenzentrums Emilienpark in Grenzach-Wyhlen, stellte das Konzept der "Validation" vor. Dabei handelt es sich um einen wertschätzenden Pflegeansatz, der die Menschen in ihrer Demenzerkrankung akzeptiert und sie in ihrer eigenen Welt leben lässt, anstatt zu versuchen, die Betroffenen permanent mit ihren Fehlern zu konfrontieren und sie dadurch zu verunsichern. Fixierungen bei demenzkranken Patienten könnten so verringert werden.

Zunächst sei jedoch ein erster wichtiger Schritt, so Hermann, die Gesamtheit der Fixierungsmaßnahmen im Landkreis statistisch genau zu erfassen. Das sei bisher nicht ausreichend geschehen, aber allein schon wichtig, um den Handlungsbedarf zu verdeutlichen. Die Erfahrungen, die andere Kreise mit dem "Werdenfelser Weg" erreicht haben, seien jedenfalls ermutigend. Hier sei die richtige Richtung eingeschlagen, die Pflegesituation auch unter dem Druck des demografischen Wandels menschenwürdig zu gestalten.