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15. April 2011
Neugier überwindet Rollenklischees
134 Jungen im Landkreis Lörrach, deutlich mehr als in den Vorjahren, beteiligten sich gestern am Boys’ Day zur Berufsorientierung.
LÖRRACH. Der Girls’ Day ist längst etabliert. Rund 400 Mädchen im Landkreis schnupperten am Donnerstag in typischen Männerberufen. Doch auch der Zuspruch beim Boys’ Day, der erstmals bundesweit beworben wurde, wächst. Immerhin 134 Jungen nutzten gestern die Angebote im Kreis vornehmlich in Berufen der Pflege und Erziehung.
Es ist neun Uhr morgens, im kleinen Speisesaal der Weiler Kindertagesstätte Hebelplatz wird ein zweites Frühstück serviert. Es gibt Pfannkuchen mit Apfelmus. Auf den ersten Blick sind sie gar nicht auszumachen, die zwei Jungen des Boys’ Day, die sich wie die Kleinen um sie herum auf die Mehlspeise auf ihrem Teller konzentrieren. Aber doch ja, für ein Gespräch mit der Presse würden sie sich kurz Zeit nehmen, sagen Ian (11) und Giuseppe (14). Danach müssten sie allerdings schnell weiter in die Bibliothek und in die Bauecke. Dass sie dort mit den Kindern malen und lesen wollen, haben die beiden Jungen nach einer Führung durch die Räume des Kindergartens durch Leiterin Pia-Monika Schelb entschieden.Werbung
Warum der Weiler Realschüler Ian und der Haltinger Hauptschüler Giuseppe sich für den Kindergarten entschieden haben, können sie nicht genau sagen. "Wir wollten einfach gern was mit Kindern machen", sagen sie einhellig. Auch die zwölf Jungs, die ihren Schnuppertag in der Schule für Pflegeberufe und dem Kreiskrankenhaus Lörrach verbringen, haben noch kein konkretes Berufsziel. Doch der 14-jährige Gymnasiast Benedikt stuft die Arbeit bei einem Frisör zum Beispiel als nicht so sinnvoll ein – Menschen zu helfen, sei sinnvoller, findet er und sagt: "Deshalb bin ich hier."
Durch den Tag in der Klinik begleitet die Jungs die Leiterin der Lörracher Schule für Pflegeberufe Christina Ade-Schwöble. Nach einer theoretischen Einführung in die Arbeit des Krankenpflegers hatten die Jungen die Möglichkeit zum Gespräch mit Krankenpflegeschülern. "Hier war das Interesse besonders groß", sagt Ade-Schwöble, vor allem nach den Inhalten der Arbeit, den Arbeitszeiten und Verdienstmöglichkeiten sei immer wieder gefragt worden. Auf großes Interesse stieß außerdem der Hubschrauberlandeplatz, der den Kindern ebenso gezeigt wurde wie die Küche, ein leeres Krankenzimmer und die Ambulanz – wo ein Pfleger vier der Jungs einen Gipsverband anlegte.
Das Kreisjugendreferat, das Girls’ und Boys’ Day im Landkreis betreut, freut sich über die Zunahme des Interesses bei den Jungen. "Seit die Aktion bundesweit läuft, haben wir eine richtig gute Steigerung", sagt Referentin Gisela Schleidt. In den vergangenen Jahren seien es jährlich kaum mehr als ein Dutzend Interessenten gewesen. Das allerdings sei nicht ganz unverständlich, steckten die Jungs doch noch viel mehr in ihren männlichen Rollenklischees fest als man ob einer emanzipierten Gesellschaft meinen sollte. Auch wenn die Eltern ihren Kindern ein gleichberechtigtes soziales und Familienmodell vorlebten, seien sie doch stark von den medial vermittelten Geschlechterrollen beeinflusst, sagt Gisela Schleidt.
Dass sich die Plätze in Altenpflege und Heimen für behinderte Menschen kaum Jungs bewarben, habe aber auch mit ihrem Alter zu tun. "Jungs sind generell etwas später entwickelt als Mädchen – und ein Elfjähriger ist schlicht überfordert, wenn er einen alten Menschen waschen soll", so Schleidt. Für solche Stellen ist jetzt eine Altersgrenze eingeführt worden. Für Fünft- und Sechsklässler hat das Kreisjugendreferat deshalb selbst ein Projekt entwickelt, den Besuch des Mittelalterparks "Gryffetal" beim Vogelpark Steinen. Hier konnten die Jungs gestern weben, schmieden, Bogen schießen, Feuer machen und Kochen. Typisch männliche und typisch weibliche Tätigkeiten also.
Autor: Claudia Gabler
