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15. November 2017

Ein Junge aus Syrien als Pflegekind

Der 15-jährige Hasan Jumah lebt bei einer Familie in Dogern / Über 100 unbegleitete junge Ausländer im Kreis Waldshut.

  1. Der kleine Bruno ist immer ganz begeistert, wenn der 15-jährige Hasan, syrischer Pflegesohn von Felicitas und Thomas Adlung, ihm etwas etwas aus seinen Lieblingsbüchern vorliest. Foto: Indes Biedenkapp

Momentan leben 106 unbegleitete junge Flüchtlinge im Landkreis Waldshut, davon sind 55 noch minderjährig. Viele von ihnen kamen bereits 2015 nach Deutschland. Einer von ihnen ist Hasan Jumah, der bei einer Pflegefamilie in Dogern lebt. Er kam 2015 als 13-Jähriger aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Deutschland mit einem Freund seines Vaters. Dieser hatte das Auto der Familie verkauft, um Hasan die Flucht zu ermöglichen.

KREIS WALDSHUT. Das Dorf, in dem Hasan Jumah aufwuchs, wurde mehr und mehr Schauplatz des syrischen Bürgerkriegs. Ein militärischer Stützpunkt befand sich ganz in der Nähe des Hauses der Familie. Als die freien Rebellen der syrischen Armee versuchten, diesen Stützpunkt unter Kontrolle zu bringen, war die Umgebung für mehrere Tage komplett abgeriegelt. Damals hatte der Vater noch einen kleinen Tabakladen, dieser ist heute vollständig zerbombt. Die Familie floh. Zudem lief der 13-Jährige Gefahr, in den darauffolgenden Jahren zum Militärdienst eingezogen zu werden, worauf sein Vater beschloss, es sei besser, wenn Hasan das Land verlasse.

Sein beschwerlicher Weg nach Europa dauerte 15 Tage. Eigentlich war das Ziel Dänemark, wo ein Onkel von ihm lebt. Doch die Reise wurde von den Behörden in Deutschland gestoppt und er kam in eine Aufnahmestelle. Heute ist Hasan 15 Jahre alt, wie seine Papiere aus Syrien zeigen.

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Das Jahr 2015 stellte die Behörden wie die Bevölkerung vor Herausforderungen. Gemäß dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden damals in Deutschland über 476 600 Asylanträge gestellt. Auch viele Minderjährige waren darunter. Das Jugendamt bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Betreuung. Heute leben von allen jungen Flüchtigen im Landkreis Waldshut 20 Minderjährige und 13 Volljährige bei Gastfamilien, der Rest in Jugendwohngruppen. Auch das Ehepaar Felicitas und Thomas Adlung aus Dogern meldete sich beim Jugendamt. Ein Schlüsselmoment für die beiden war das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes an der griechischen Küste, das weltweit Menschen betroffen machte. Das Ehepaar, dessen kleiner Sohn Bruno nur wenige Monate zuvor zur Welt kam, wollte helfen. "Wir haben uns Informationsmaterial zukommen lassen und sind mit dem Jugendamt in Kontakt getreten", so Felicitas Adlung, die als Lehrerin an der Gemeinschaftsschule Lauchringen arbeitet.

"Zwei Wochen nachdem wir die Bestätigung als Pflegefamilie erhalten hatten, bekamen wir den Anruf, dass wir Hasan am nächsten Tag in Singen vom Bahnhof abholen könnten", erinnert sich Felicitas Adlung. Das war im November 2015. Dabei war der Anfang schwierig. "Wir mussten ihm auf der Karte zeigen, wo wir waren, dass er immer noch in Deutschland ist und nicht in der Schweiz", so Thomas Adlung, IT-Berater von Beruf.

Hasan konnte damals kein Deutsch und kam von einer Aufnahmestelle übergangsweise zu einer ersten Pflegefamilie und dann zur Familie Adlung. Eine Woche nach seinem Einzug ging er bereits in die siebte Klasse der Gemeinschaftsschule Albbruck. "Da hab ich neue Freunde gefunden", freut sich der Teenager. Außerdem meldete ihn das Ehepaar zu einem Deutschkurs an. Mittlerweile ist Hasan in der neunten Klasse und spricht fließend Deutsch.

Auf allen Familienfesten ist Hasan dabei

Für Familie Adlung war es wichtig, dass Hasan mit dem Jüngsten der Familie zurechtkommt. "Wir haben schnell gemerkt, dass Hasan das Herz am rechten Fleck trägt", bestätigt Thomas Adlung, dabei fügt seine Frau mit Blick auf die kulturellen Unterschiede hinzu: "Aber wir mussten ihm schon beibringen, dass der Wert der Frau hier anders ist." Für das Paar war bei der Aufnahme die eigene Familie eine große Unterstützung. "Uns war es wichtig, dass Hasan von allen akzeptiert wird. Mittlerweile können wir schon gar nicht mehr ohne ihn auf Familienfeste gehen!", freut sich Thomas Adlung.

Auch das Brauchtum in seiner neuen Heimat hat er schon hautnah miterlebt: Sein Pflegevater ist bekannt als Gewinner des diesjährigen Waldshuter Chilbi-Bocks. "Das war klasse!", sagt der heute 15-Jährige.

Seit kurzem hat der Jugendliche den Pass mit Flüchtlingsstatus. Das vereinfacht die Situation. Damit darf er in die Schweiz und konnte den Antrag auf Familiennachzug stellen. Wann und ob seine Familie nachkommt, ist offen, "aber schön wäre es", wünscht sich der Teenager. Solange telefoniert er alle zwei bis drei Tage mit seiner achtjährigen Schwester und den Eltern, die in einem Flüchtlingslager bei Damaskus leben.

Gegenwärtig werden vom Jugendamt 106 Flüchtlinge im Landkreis Waldshut betreut. Davon sind 55 minderjährig und 51 volljährig, 33 leben in Gastfamilien. Die Vormundschaft bei einem Minderjährigen bleibt zumeist beim Jugendamt. Pflegefamilien bekommen für einen von ihnen betreuten Jugendlichen ein monatliches Pflegegeld für Unterkunft, Verpflegung, Taschengeld, Kleidung, Schulbedarf. Der Pass mit Flüchtlingsstatus gilt für drei Jahre und man darf den Antrag auf Familiennachzug stellen.

Autor: Ines Biedenkapp