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11. Januar 2016

Die individuelle Obsession und die museale Ordnung

Das Kunstmuseum Luzern versucht sich an einer Retrospektive des von außereuropäischer Kultur geprägten Künstlers Michael Buthe.

Von Michael Buthe (1944 Sonthofen – 1994 Bonn) heißt es, dass er sich wie ein Prinz in seiner eigenen märchenhaften Welt inszeniert habe. Michel Auder beschrieb seinen Besuch in Buthes marokkanischem Domizil 1972 folgendermaßen: "Wir stießen auf ein fürstliches Haus, in dem Michael der Prinz war. Das Haus hatte drei Etagen, innen einen Hof, etwa fünfzehn Zimmer insgesamt. In vielen gab es Gemälde, Skulpturen und Installationen von Michael – Häuser aus Zweigen mit vielen Dingen behangen, die er am Strand fand und mitbrachte. Ständig fügte er etwas hinzu oder nahm wieder etwas weg. Rundherum liefen in den Zimmern die Hühner und gackerten."

Der von 1983 bis 1994 an der Kunstakademie Düsseldorf lehrende Michael Buthe war ein Künstler, dessen Werke sich ständig veränderten, da er sie immer wieder zu anderen Konstellationen zusammenstellte und er förmlich in seinem Oeuvre lebte. Hierin gleicht er Kurt Schwitters, dessen Werke zunächst nur einen Raum seines Hauses bevölkerten, um immer mehr Räume zu erobern, wobei Gefundenes, persönliche Erinnerungsstücke, dadaistische Collagen und Skulpturen im Laufe der Jahre zusehends unter den kubischen Formen seines "Merzbaus" verschwanden. Auf Harald Szeemanns "Documenta 5" war Buthe 1972 mit der farbenfrohen und mit magischen Artefakten ausgestatteten Environment "Hommage an die Sonne" in der Sektion der "Individuellen Mythologien" vertreten, also jenem Winkel der Obsessionen, in dem Szeemann die Spinner und das Spinnertum (wieder) in die Kunst einführen wollte.

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Hintergrund seiner von der Sinnlichkeit armer und natürlicher Materialien sowie von Spiritualität bestimmten Kunst war Buthes Auseinandersetzung mit der afrikanischen und orientalischen Kunst- und Lebenswelt. Nach seiner Ausbildung bei Arnold Bode an der Kunstakademie Kassel ließ sich der Künstler 1968 in Köln nieder, von wo aus er ab 1970 ausgedehnte Reisen ins Maghreb, nach Westafrika, Afghanistan und in den Iran unternahm. Eine Art Initiationserlebnis stellte 1973 die Begegnung mit einem Medizinmann in Benin dar. Dies ist durch den Ausbruch starker Farben in Buthes Œuvre formal sichtbar. Daneben zeugen der Einbezug von Federn, Fundstücken wie einer persischen Pferdedecke oder einem hölzernen marokkanischen Gitterfenster vom großen Einfluss der außereuropäischen Welt.

Werke von großer Schlichtheit

Seine vor den Reisen entstandenen Werke zeichneten sich durch große Schlichtheit und klare Setzungen aus. Es handelte sich um Stoffbilder, die im Umfeld der internationalen Antiform-Strömung entstanden. Entweder wurden naturbelassene Stoffe mit Holzlatten verbunden und zu objekthaften Leinwänden ohne Bildraum zusammengepresst. Oder auf einen Keilrahmen wurden mehrere neutrale oder gebatikte Baumwollstoffe gespannt und zerrissen, so dass Fetzen herabhingen und unterschiedliche Stofflagen ein aufgewühltes Bild schafften, das nicht Malerei ist, jedoch deren Möglichkeitsbedingungen und Materialeigenschaften wie Schwerkraft und Rissfestigkeit zum Vorschein bringen. Unter Bezug auf Buthes erste museale Einzelausstellung in der Schweiz 1974 versucht das Kunstmuseum Luzern eine Retrospektive, die zu bewerkstelligen wahrlich nicht einfach ist. Vergegenwärtigt man sich das sich ständig verändernde, raumumfassende, zunehmend mystischer werdende Werk des Künstlers, irritiert die fast aseptische Präsentation.

Der ordnende Blick des Museums hat das Œuvre seziert und Werke zu Ensembles in unterschiedliche Räume sortiert, ohne den ursprünglichen Kontext in Form von Archivbildern, Schriften, Pressematerial oder Filmen zu visualisieren. Verloren hängen eine Wachs- und eine Pailettensonne aus den frühen Siebzigern an einer weißen Wand. Nichts verweist auf ihre Strahlkraft im Zentrum von Räumen, die mit farbigen Wänden, Zelten, Wandbehängen und Palmen ausgestattet waren. Dies wundert um so mehr, als im Katalog Fotografien von Ausstellungssituationen abgebildet sind. Den von Buthe gesuchten Erlebnischarakter durch körperliche Erfahrbarkeit können auch die beiden einzig noch existierenden Installationen nicht vermitteln. In der kühlen Atmosphäre entfalten sich Sinnlichkeit, Spiritualität und prozessuale Werkganzheit nicht. Was hätte der Prinz wohl dazu gesagt?

Kunstmuseum Luzern, Europaplatz 1. Bis 31. Jan. Di bis So 10-17, Mi 10-20 Uhr.

Autor: Yvonne Ziegler