Energie und Fleischeslust

Christian Gampert

Von Christian Gampert

Sa, 05. August 2017

Kunst

Eine Retrospektive der US-Künstlerin Carolee Schneemann in Frankfurt.

Es gibt in der Kunstgeschichte diese Momente, in denen wirklich etwas passiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als in den USA die abstrakte Malerei ihren Siegeszug antrat, probierten sich im Windschatten von Jackson Pollock und Willem de Kooning eine ganze Reihe junger Künstler aus; einige waren kurz berühmt – und wurden dann vergessen. Zum Beispiel Carolee Schneemann: In der New Yorker Downtown-Szene der 1960er-Jahre war sie wegen ihrer freizügigen Performances eine Kultfigur; in Europa kannten sie bis vor kurzem nur Insider.

Schneemann begann als Malerin – wilde Bilder zwischen Figuration und abstraktem Expressionismus. Irgendwann klebte sie Pinsel, Tonbänder und Eierschalen auf die Leinwand, zerschnitt ein Landschaftsbild und macht eine Skulptur daraus. Irgendwann montierte sie ein Bild auf eine Töpferscheibe, damit es beweglich wurde. Mehr Physis! Das war die Botschaft. Schließlich setzte Schneemann, damals Mitte 20, kleine Assemblagen und Materialkästen "kontrolliert" in Brand, in denen sie Glas, Spiegel, Fotos drapiert hatte. Alles schmolz, Aggregatzustände änderten sich – auch dieses künstlerische Propädeutikum, diese Frühphase ist in Frankfurt liebevoll inszeniert.

Vor allem aber brachte Carolee Schneemann dann nackte Körper in Bewegung, ihren eigenen und die anderer. Das hatte einerseits mit der Rebellion gegen prüde bürgerliche Verhältnisse zu tun, andererseits aber auch mit dem Krieg in Vietnam, gegen den sich mit Happenings sehr effektiv protestieren ließ. Schneemann war als junge Frau eine unfassbar selbstbewusste Schönheit, und ihr Aussehen hat ihr geholfen, für die Sache der Frauen und eine befreite Sexualität zu kämpfen. Dass Frauen künftig nicht nur ihre Lust, sondern auch den Blick auf den weiblichen Körper selber steuern wollten, wird schon an der frühen Fotoserie "Eye – Body" deutlich: Schneemann räkelt sich im Atelier als Eva mit der Schlange, ein archaisch beschmiertes Pin-up. Dann wird der Körper selber zum Mal-Instrument, Zeichnen unter erschwerten Bedingungen: Die Künstlerin hängt nackt in einem Geschirr, in einem vollständig mit Papier ausgekleideten Raum, und ihre Bewegungsspuren erzeugen das abstrakte Bild – kinetische Malerei, wunderschön.

Natürlich haben andere Künstler Ähnliches getan, Yves Klein etwa mit seinen Anthropometrien; aber vor allem haben Frauen ihren Körper als Werkzeug eingesetzt. Schneemann steht da am Anfang einer Reihe, die von Ana Mendieta über Cindy Sherman und Marina Abramovic bis zu Tracy Emin führt. Aber die archaische Radikalität von Schneemanns frühen Performances ist für diese Zeit schon erstaunlich – vieles ist in Frankfurt nun als Filminstallation zu sehen. "Meat Joy" ("Fleischeslust") von 1964, eine choreographierte Orgie, wirkt heute wie eine Mischung aus Hippie-Gehopse und Sodom und Gomorrha, eine farbbeschmierte Laokoon-Gruppe mit emanzipativen Absichten.

Noch beeindruckender die nur fotografisch dokumentierte Solo-Performance "Interior Scroll", bei der die nackt auf einem Tisch tanzende Schneemann sich eine lange Schriftrolle aus der Vagina zog und feministische Texte rezitierte. Der Körper ist ein Gedächtnisspeicher, eine Bundeslade, ein Geheimnisträger. Aber dieses Spiel zwischen Tampon und Tora-Rolle, zwischen High and Low, das ist eben nicht jedermanns Sache. "Fuses", der Film, in dem Schneemann sich beim Sex mit ihrem Lebensgefährten zeigt, sorgte beim Filmfestival in Cannes für einen Eklat: vor allem das männliche Publikum flippte völlig aus, holte Messer heraus und schlitzte die Kinosessel auf.

Es ist seltsam, in Frankfurt neben dieser 78-jährigen, zerbrechlich wirkenden alten Frau zu sitzen, die diese skurrilen Geschichten aus ihrer Jugend erzählt. Ja, es sei schwer gewesen, in der männlich dominierten Kunstwelt überhaupt bemerkt zu werden, sagt sie. "Fuses" zum Beispiel war nach Einschätzung von Schneemanns Freundin Susan Sontag einfach nicht pornographisch genug, um in Cannes ein Publikumserfolg zu werden. In der Tat hatte Schneemann keinen Hardcore-Porno gedreht, eher ein gestisches Verständigungs-Spiel mit verfremdetem Filmmaterial.

Man wird Schneemann allerdings nicht gerecht, wenn man sie auf die Körper-Aktionen reduziert – obgleich sie Menstruationsblut und behavioristisch geführte Sex-Protokolle ausstellte. Sie hat Konzeptkunst gemacht, viel geschrieben, mit Sounds gearbeitet. In ihrem Spätwerk kreisen, motorgetrieben, vorsintflutlich anmutende Knochen (aus Aluminium) umeinander, und an den Wänden kleben Todesanzeigen.

The Party is over: Carolee Schneemann war Teil eines künstlerischen Selbstbefreiungs-Projekts, das die New Yorker Szene in den 60er und 70er Jahren aufführte, irgendwo zwischen Wilhelm Reich und Yoko Ono. Die Frankfurter Ausstellung ist voller Energie, und auf der Biennale in Venedig bekam Carolee Schneemann im Mai nun einen "Goldenen Löwen" für ihr Lebenswerk. Schön, dass sie jetzt die Anerkennung erfährt, die sie verdient.


Museum für Moderne Kunst, Frankfurt. Bis 24.September. Di bis So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr.