Kunst im Zeitalter ihrer technischen Replizierbarkeit

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Mo, 06. Februar 2017

Kunst

AUSSTELLUNGSRUNDGANG in Freiburg: Galerie Artkelch, Amtsgericht, Galerie Marek Kralewski.

Dieser Ausstellungsrundgang ist eine Zeitreise. An drei Orten, in fußläufiger Entfernung zueinander am Rand der Freiburger Innenstadt gelegen, kann man sehr unterschiedlicher Kunst begegnen. Kunst, die in der Vergangenheit wurzelt. Kunst der Gegenwart. Und schließlich Kunst, die – vielleicht – in die Zukunft weist.

GALERIE ARTKELCH
Werke der australischen Aborigines, genauer: der Bewohner von Arnhem Land im Nordosten des Kontinents zeigt die Galerie Artkelch. Statt mit dots arbeiten die Künstler mit Clan-Designs, die auf uralte Muster und Zeichen zurückgehen. Anstelle synthetischer Acrylfarbe verwenden sie Farben aus natürlichen Erdpigmenten, als Bildträger dienen nicht etwa Baumwolle oder Leinen, sondern Rinden, Holzplatten und ausgehöhlte Baumstämme. Drei solcher übermannshohen, bemalten Stämme zeigen lauter in Kreuzschraffuren eingebundene Wasserlilien, doch in der dreidimensionalen Malerei von Malaluba Gumana ist versteckt mythisches Geschehen präsent.

Auch Wukun Wanambis Gedenkpfähle erzählen in abstrakt anmutenden Kompositionen eine Geschichte: "Meeräschen umschwimmen den heiligen Felsen Bamurrunju". Mulkun Wirrpandas Malereien kreisen in figürlichen Bildern um ein Ereignis aus der Traumzeit: Ein entführtes Mädchen entflieht seinen Peinigern, indem es sich in einen Schmetterling verwandelt. Rindenmalereien von Marrmyula Munungurr bieten in einer abstrakt anmutenden Komposition das Requisit einer Schöpfungsgeschichte: eine Fischreuse. Nawurapu Wununmurras "Mokuy" – Figuren aus bemaltem Holz – sind heitere Geistwesen mit Fishnet-Haut.
KUNSTFRISCH: GEDOK
Fünf Künstlerinnen der Gedok präsentiert eine Ausstellung der Reihe "kunstfrisch" im Amtsgericht. Die Bandbreite der Malereien reicht von Abstraktion bis Fotorealismus. Irmgard Maurers Sujets sind Stimmungen. Ihre sinnlich bunten informellen Acrylbilder tragen Titel wie "Frohe Stunde" oder "Sommer"; die schwungvoll und spontan gesetzten Pinselstriche evozieren nicht selten Skripturales. Am nächsten kommen ihren Malereien Beatriz Rubios dynamisch bewegte Mischtechniken. Auch hier sind Stimmungen das Thema; dazu Naturansichten am Rande der Abstraktion, als solche mitunter gar nicht unbedingt mehr identifizierbar wie die "Belebende Landschaft".

Unzweifelhaft gegenständlich sind Miriam Zschoches Eitemperabilder. Doch gleich den Räumen und Architekturen ihrer urbanen Szenen haben die darin auftauchenden Figuren einen geisterhaften Anstrich. Die Figur in "Sushibar" ist so durchsichtig wie die surreal vor großstädtischer Kulisse grasende Kuh. Michela Zangiacomi-Buschs Sujets – Drahtbügel, Glühbirnen oder Mokkakannen – sind lediglich ein Anlass ihrer Malerei, die ein gegenständlich-abstraktes Spiel von Licht und Schatten, Formen und monochromer Farbigkeit entfaltet. Verpackungspapier und Tapeten, geknittert oder in Falten, darin ebenfalls nah an der Abstraktion, zeigen die Ölbilder von Annette Leupolz. Vereinzelt springen – durchs jeweilige Muster nicht gedeckte und erst in der zerknüllten Form geweckte – Assoziationen wie Spielwürfel und Narrenkappe hervor.

TOBIAS EDER
Tobias Eder ist Bildhauer, aber mit anderen, wohl verstanden futuristischen Mitteln. Das Arrangement der Ausstellung des Freiburgers in der Galerie Marek Kralewski wirkt minimalistisch. Am Boden sechs Bildtafeln mit Computerdrucken, die eine Serie von Skulpturen in Goldmetallic zeigen; daneben eine leise surrend eine graue Masse bearbeitende (oder gar kreierende?) technische Apparatur. An der hinteren Wand befestigt ein seltsames weißes Objekt.

Die Maschine, ein 3D-Drucker, stellt eine Figur der Serie her; acht Stunden braucht sie dafür. Am Ende wird sie ihren Platz auf dem ebenfalls maschinell geschaffenen weißen Sockel an der Wand finden. Überlassen Künstler wie Jeff Koons die Ausführung ihrer Entwürfe Holzschnitzern und Akkordmalern, delegiert Eder die Realisierung seiner am Computer entworfenen Arbeiten an die Maschine. Kunst als Auftragskunst – die Skulpturen entstehen auf Bestellung – , der Galerieraum als Atelier: Als konzeptuelle Anordnung reflektiert die Schau die Entstehungsbedingungen von Kunst im Zeitalter ihrer technischen Replizierbarkeit. Eder möchte die ursprüngliche Unmittelbarkeit im Verhältnis von Künstler und Auftraggeber in den Meisterwerkstätten der Renaissance in die Gegenwart holen. Die Anonymität und serielle Künstlichkeit seiner Figuren wirft ein Licht darauf, wohin die Reise der Gesellschaft als ganzer in der Zukunft gehen dürfte.

Galerie artkelch, Günterstalstr. 57, Freiburg. Bis 11. Februar, Mittwoch bis Freitag 11-18 Uhr, Samstag 10-14 Uhr;
Amtsgericht, Holzmarktplatz 2, Freiburg. Bis 24. März, Montag bis Donnerstag 8-16 Uhr, Freitag 8-14 Uhr;
Galerie Kralewski, Basler Str. 13, Freiburg. Bis 5. März, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag 14-18 Uhr.