Musik fürs Auge

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 26. Mai 2017

Kunst

Ein visuelles Kammerkonzert: Ueli Gantner in der Stiftung für konkrete Kunst in Freiburg.

Zur Vernissage spielte Katharina Müther auf dem Akkordeon und sang. Sie in der Halle der Stiftung für konkrete Kunst in Freiburg zu hören, muss ein Erlebnis gewesen sein, Roland Phleps äußert sich beglückt. Und der Stifter und Hausherr versteht ja etwas von Musik. Wo immer nötig, verteidigt er seinen Scarlatti gegen das Heer seiner Verächter.

Vielleicht fiel die Wahl nicht von ungefähr auf eine Akkordeonistin. Passt das Instrument doch schon rein optisch zu den ausgestellten Werken: den zwischen Op Art und konkreter Kunst oszillierenden Wandreliefs von Ueli Gantner (von denen sich die Stahl- und Plexiglasskulpturen des Schweizers freilich grundlegend unterscheiden). So evoziert das Relief-Raster aus dünnen, vertikalen Stegen die lamellenartige Struktur des Blasebalgs einer Harmonika. Die Reliefs sind zumeist quadratisch; nur einige dehnen sich bandeonartig zu lang gezogenen Rechtecken. Zwei dieser Arbeiten wecken mit ihren weißen und schwarzen Stegen zudem die Assoziation der Tastatur eines Klaviers.

Man möchte die angeschlagene Bildlichkeit auch auf die Wirkung von Gantners Reliefkunst aus farbigem Plexiglas und gespritztem MDF anwenden. Es wäre eine arge Beschneidung des ästhetischen Eindrucks wäre, die Werke aus nur einer Perspektive zu betrachten – erschließt sich doch schon die Farbigkeit der Lamellen vor allem aus einem seitlichen Blickwinkel. Man versäumte das Beste, denn eigentlich lassen sich die Reliefs nur in der Bewegung erfassen: buchstäblich im Vorübergehen. Diese zeitliche Dimension macht die Arbeiten zu Musik und Kino fürs Auge; würde man sich bei einem Film etwa mit einem Still zufrieden geben? Chamäleonartig ändert sich im Vorüberschreiten ihre Farbhaut; die Mehrfarbigkeit der Stege führt zu gleitenden koloristischen Übergängen. Gantners Reliefkunst ist ein Spiel auf der Klaviatur der Farben.

Der an Op-Art erinnernde Augenkitzel der Reliefs weicht bei den Skulpturen einer mehr reflektierten Betrachtungsweise, für die in jedem Augenblick die Gesamtkonstruktion präsent bleibt. Auch bei ihnen bevorzugt Gantner das Quadrat. Dank weniger Einschnitte – mitunter sind es nur zwei – lässt es sich zu weichkurvigen dreidimensionalen Figuren verbiegen. In der Wechselansicht bieten die Skulpturen in stufenlosen Übergängen einen je unterschiedlichen Anblick. Denn auch sie lassen sich in der Bewegung rezipieren; die frei stehende Plexiglas-Skulptur in der Halle unten kann man sogar umrunden. Der gleitende Wechsel der Eindrücke legt den Vergleich mit dem stufenlosen Glissando einer Geige nahe. Geige und Klavier – ganz offensichtlich wohnt der Besucher dieser Ausstellung der Stiftung für konkrete Kunst einer Aufführung visueller Kammermusik bei – einer konstruktiv-konkreten Frühlingssonate.

Stiftung für konkrete Kunst Roland Phleps, Pochgasse 73, Freiburg. Bis 2. Juli, So 11-13.30 Uhr.