Von Mäusen und Unmenschen

Christina Horsten

Von Christina Horsten (dpa)

Mi, 14. Februar 2018

Kunst

Die Aufarbeitung des Holocaust als Comic machte ihn berühmt: Der Zeichner Art Spiegelman wird 70.

Art Spiegelman macht sich Sorgen, derzeit besonders viele. "Ständig bin ich beunruhigt", sagte der Comic-Zeichner jüngst dem britischen Independent. "Das liegt in meiner Natur. Aber jetzt habe ich endlich etwas gefunden, worüber sich das Sorgen lohnt." Spiegelman meint US-Präsident Donald Trump. "Ich sehe da Ähnlichkeiten zu Hitler in der Weise, wie es sehr schnell zu Dingen kam, die mir surreal vorkommen." Der Zeichner, der am Donnerstag 70 Jahre alt wird, beobachtet in seinem amerikanischen Heimatland zudem ein "Abrutschen hin zu Grobheit".

Der Nationalsozialismus und der Holocaust haben Spiegelman geprägt und ihn zum anhaltenden Mahner werden lassen. In den 1980er Jahren packte er seine Gedanken dazu in einen Comic: "Maus". Für die Kritiker war es ein Tabubruch, dass er Nazis als Katzen und Juden als Mäuse gezeichnet hatte. Darf man den Holocaust als Comic darstellen und Tiere als Metaphern wählen? "Ich mache Comics, also war es für mich die einzige natürliche Sprache, in der ich sprechen konnte", lautete Spiegelmans Begründung – und die Zustimmung überwog schließlich. "Maus" machte den Zeichner weltbekannt. 1992 erhielt er als erster Comic-Autor den Pulitzer-Preis.

",Maus’ hat Abstraktionen benutzt, um es real zu machen", sagt Spiegelman. "Ich habe es nie gemacht, um die Welt zu verbessern. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass man die überhaupt besser machen könnte, denn es passieren doch immer wieder die gleichen grausamen Dinge, und so werden diese Erfahrungen auch immer wieder gemacht. Aber ich habe gehofft, dass es, wenn man eine emphatische Reaktion durch Kunst hat, einem dann ermöglicht wird, die Erfahrung zu absorbieren."

Selbst erlebte Spiegelman den Nationalsozialismus nicht, aber die Erfahrungen seiner Familie prägten auch sein Leben. Die Eltern überlebten Auschwitz voneinander getrennt und kamen erst nach der Befreiung des Lagers Ende Januar 1945 wieder zusammen. Der erste Sohn war im Konzentrationslager gestorben. Spiegelman wurde 1948 in Stockholm geboren, während die Familie auf die Überfahrt nach Amerika wartete.

Die Erinnerungen der Vergangenheit blieben bei den Eltern immer präsent, verdüsterten das Familienleben. Spiegelman flüchtete sich in Comics und später in Drogen. 1968 folgte ein Zusammenbruch, er wurde in eine Klinik eingewiesen. Im selben Jahr – kurz nach dem Tod des einzigen Bruders – beging seine Mutter Andzia Suizid.

In der Kunst fand Spiegelman einen Weg, die Geschehnisse zu artikulieren. Den Tod seiner Mutter prangerte er in "Gefangener auf dem Höllenplaneten" an. 1972 begann er die Erzählungen seines Vaters auf Tonband aufzunehmen. Erste "Maus"-Comics erschienen im Magazin "Raw", 1986 kamen sie in Buchform heraus. Er hatte den Leidensweg seiner Eltern nachgezeichnet, in drastischer Metaphernsprache. Und bewies: Comics sind auch ernsthaften Themen gewachsen. Anfang der 90er Jahre begann Spiegelman für das Magazin New Yorker zu arbeiten, wo seine Ehefrau, die Französin Françoise Mouly, bis heute Art-Direktorin ist. Spiegelman entwarf viele Titelbilder, sein berühmtestes erschien wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – ganz schwarz, die Twin Towers sind schemenhaft zu erkennen.

Die Terroranschläge erschütterten Spiegelman und Mouly. Tochter Nadja ging um die Ecke der Twin Towers zur Schule, am Morgen der Anschläge rannte das Paar dorthin, um sie abzuholen. Kurz danach stürzten die Türme ein. Aus den Erlebnissen entstand der Bildband "In the Shadow of no Towers" (Im Schatten keiner Türme), der 2004 erschien.

Nach diesem Projekt gab es noch einige weitere kleine und eine Museumsretrospektive. Ansonsten lebt Spiegelman das Leben eines New Yorker Intellektuellen mit Ehefrau Mouly in einem Loft im Stadtteil SoHo. Tochter Nadja und Sohn Dashiell sind ausgezogen. "Ich will nicht noch einmal 13 Jahre auf ein Buch verwenden", sagte er jüngst. "Anscheinend habe ich dieses andere Buch nicht in mir."