Als der Widerstand erfolgreich war

Harald Rudolf

Von Harald Rudolf

Do, 04. Oktober 2018

Lahr

Die Theaterbühne zeigt im Stiftsschaffneikeller "Rote Sonne – Dunkle Nacht" und wird bei der Premiere mit Ovationen gefeiert.

LAHR. Die ausverkaufte Premiere des Theaterstücks "Rote Sonne – dunkle Nacht" nach dem gleichnamigen Roman von Hans Weide hat am Dienstagabend die Zeit um das geplante Atomkraftwerk in Wyhl anno 1975 kernig, herzig und sehr anschaulich dargestellt. Unterhaltsamer Geschichtsunterricht über ein historisches Ereignis mit einer historischen Figur als Rolle und in persona auf der Bühne.

Die ersten Bilder – zwischen Küchentisch und Versammlungsorten wechselnd – sind temporeich und witzig. Der Freiburger Amtsrichter gerät mit seiner aus dem Norden stammenden Frau über das geplante Atomkraftwerk in Wyhl – der Heimat des Richters – in eine Ehekrise. Er solle mal sein CDU-Parteibuch vergessen, rät die Frau, die Verständnis für den Widerstand entwickelt. Das Parteibuch mache ihn zudem hüftsteif.

Die Schauspieler Daniela Heß und Matthias Göbbels glänzen als durchgerütteltes Ehepaar. In den Rollen der Eltern des Juristen brillieren Siegfried Wacker und Gisela Griesbaum. Das Kaiserstühler Winzerpaar zeigt sich dem Sohnemann gegenüber aufgewühlt: "Es geht um den Erhalt unserer Heimat."

An der Gründung der Bürgerinitiative gegen das KKW beteiligt sich der Richter nicht, seine Frau schon. Die "Atomwerbeveranstaltung" eines "dummen und ehrgeizigen Bürgermeisters" bringt die Gegner in Rage. Ein weiteres herrliches Wyhler Paar im Stück von Regisseur Christopher Kern wird von Bärbel Huck und Bernhard Krämer verkörpert. "Wir Kaiserstühler sind keine dummen Bauern." Man werde den Widerstand nach Stuttgart tragen. "Als gesetzestreue Bürger wissen wir zwar nicht, wie das geht, aber wir lernen es."

Die Gruppenszenen mit Dialekten garniert sind Höhepunkte des Stückes. Sämtliche Schauspieler agieren leidenschaftlich wie köstlich und tragen das mit zwei Stunden und 45 Minuten sehr lange Stück über die Bühne des Stiftsschaffneikellers. Die Bürgerinitiative demonstriert: "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv." Und der Stoff vermittelt die Strömungen jener Zeit. Dafür und dagegen und bei den Gegnern nochmal für und gegen gewaltsamen Widerstand. Der Kaiserstuhl kochte damals. Der Riss ging zu dieser Zeit wie in dem Stück durch Familien und Nachbarschaften.

In schönen Regieeinfällen wenden sich die Schauspieler ans Publikum und schildern die Ereignisse. "So war das an der Nato-Rampe. Am 17. Februar 1975 begannen die Bauarbeiten." Man setzte sich über die Sorgen der Bevölkerung hinweg.

Im zweiten Teil verstärken Toneffekte die Szenerie: Motorsägen, ferne Stimmen, Hundegebell kündigen den Polizeieinsatz mit Wasserwerfern an. Ein Polizist erläutert die Strategie der Landesregierung und Polizei: Man beorderte junge Polizisten aus dem Norden Baden-Württembergs an den Kaiserstuhl, die zum Ort keinen Bezug hatten und übernächtigt mit Wut im Bauch ankamen.

Zum Schluss erscheint die historische Figur Hans Weide als Rolle und in Person. Der Autor und Polizeihauptkommissar im Ruhestand liest aus dem letzten Kapitel seines Romans. Als Einsatzleiter verweigerte er damals den Räumungsbefehl und suchte und fand am Abend des 24. Februar 1975 Unterstützung. Die zweite Räumung des besetzten Bauplatzes fand nie statt, das AKW Wyhl wurde nicht gebaut.

Ein spannendes Stück Zeitgeschichte mit Längen im ersten Teil, aber dauerhaft pochendem (Schauspieler-)Herz. In weiteren Rollen sind zu genießen: Mathias Haas, Katija Rothbächer, Ralf Kuchheuser, Ewald Krieg, Johannes Krämer und Reinhard Kattinger. Die Akteure der Theaterbühne im Stiftsschaffneikeller wurden mit Ovationen im Stehen mehrfach auf die Bühne geklatscht.