Berichte aus der Todeszelle gehen unter die Haut

ej

Von ej

Mo, 04. Dezember 2017

Lahr

Im Rahmen der Aktion "Cities for Life" ist in Lahr ein literarisch-musikalisches Programm zum Thema Todesstrafe aufgeführt worden.

LAHR. In den vergangenen Jahren waren weit mehr Gäste zur Abendveranstaltung aus Anlass des Tages gegen die Todesstrafe gekommen als am vergangenen Donnerstag. Das städtische Kulturamt und der Kulturkreis Lahr hatten diesmal aber auch für schwere Kost gesorgt: Unter der Überschrift "Leben in der Todeszelle" boten Sylvia Oelkrug (Violine) und Cordula Sauter (Akkordeon), Renate Obermaier und Heinz Spagl (Sprecher) ein literarisch-musikalisches Programm, das unter die Haut ging.

Wie so oft ist die Realität grausamer als jede Fantasie. Die detailgenaue Beschreibung einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl, einer bis heute in einigen Staaten der USA angewandten Form der Exekution, hinterlässt, obwohl sie nur mit Worten dargeboten wird, verstörende Bilder in den Köpfen der Zuhörer. Dass der Reporter Don Reid zu einem vehementen Gegner der Todesstrafe wurde, nachdem er über 189 Hinrichtungen berichtet hatte, ist da wenig tröstlich. Auch die erschütternden Berichte, die der zum Tode verurteilte und später zu lebenslänglich begnadigte Mumia Abu Jamal in seinem Buch "Live from Death Row" gibt, sind nichts für schwache Nerven. Das Ziel des Programms, "nicht Düsternis zu verbreiten, sondern über das Leben derjenigen Menschen zu berichten, die den Termin ihres Todes kennen", war angesichts der Thematik unerreichbar.

Die Kunst hilft, das Unerträgliche erträglich zu machen: Morgensterns Galgenlieder, Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", Büchners "Dantons Tod" oder eine Szene aus Shakespeares "Maß für Maß" erscheinen im Kontrast mit aktuellen Berichten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und langen Listen von Hinrichtungsmethoden vom Steinigen bis zur Enthauptung, vom Tod durch den Strang bis zur Erschießung, kultiviert und sublimiert. Dabei ist der Sarkasmus eines Dieter Süverkrüpp (Landesvaters Abendlied) oder die bis in die Sprache hinein wirksame Gewalt von Ernst Jandls "Wien Heldenplatz" drastisch genug, um gegen die Todesstrafe als juristisch verbrämte Form der Rache einzutreten.

Dass der Abend keine Zumutung wurde, lag zum einen in der sehr gelungenen sprachlichen Präsentation, zum anderen in der musikalischen Begleitung, die gelegentlich nur knarzender Kommentar, oft aber tröstliche Denkpause war. Ein Gefängnisdirektor, der in Zeiten, als Musik noch nicht überall und jederzeit verfügbar war, einem Todeskandidaten seinen letzten Wunsch erfüllte, den Strauß-Walzer "Geschichten aus dem Wienerwald" zu hören, ist der Anlass für dieses unpassend-passende Stück. Kurt Weills "Youkali", das sehnsuchtsvolle Traumlied für eine heile Welt, zeigt aber auch Hoffnung und Trost auf.

Seit 2002 wird am 30. November die Aktion "Cities for Life" oder "Städte für das Leben – Städte gegen die Todesstrafe" ausgerichtet. Die katholisch-christliche Laienbewegung Gemeinschaft Sant’Egidio mit Hauptsitz in Rom hat das Projekt ins Leben gerufen, an dem mittlerweile rund 2000 Städte weltweit teilnehmen.

Amnesty International hat 1977 in der Stockholmer Erklärung alle Regierungen aufgefordert, die Todesstrafe abzuschaffen. Damals hatten erst 16 Länder die Todesstrafe abgeschafft, 40 Jahre später sind es 105 Länder.

In Lahr läuten seit dem Jahr 2010 am 30. November zwischen 8.55 und 20.55 Uhr fünf Minuten vor jeder vollen Stunde die Gemeinderatsglocken. In der Mediathek gibt es einen Büchertisch zum Thema.