Das Interplay gleicht einer Meditation

Heidi Ast

Von Heidi Ast

Di, 12. Dezember 2017

Lahr

Ein feiner, leicht durchzuhörender Jazzabend des Kulturkreises Lahr mit Neele & The Soundvoyage im Stiftsschaffneikeller.

OFFENBURG. Neele Pfleiderer gehört zu der Art von Sängerinnen, die es einem ermöglicht, vom Winter in einen andere Jahreszeit zu wechseln. Mit ihrer vierköpfigen Begleitung, Lou Lecoudey (Posaune), Fabienne Ambuehl (Piano), David Andres (Kontrabass) und Oliver Rehmann (Schlagzeug) öffnet sie die Tür zum Jazz "for Beginners" ganz weit.

Die Atmosphäre im Lahrer Stiftsschaffneikeller ist heimelig und unbedingt jazzkellerig an diesem Samstagabend. Der Sound, den Neele & The Soundvoyage auf die Bühne kreieren, wird gerne als sphärisch und bilderstark beschrieben. Tatsächlich nimmt die 34-jährige, ausgebildete Jazzsängerin mit dem urschwäbischen Nachnamen die Zuschauer mit in gut durchdachte und dennoch federleicht wirkende Klanglandschaften.

Bereits beim ersten Stück "Sun Man" weist Neele Pfleiderer, ab dem Moment ihres Einsatzes mit weiter Stimme und freundlichen Tonlagenwechseln den Weg in sommerliche Atmosphäre. Das Intro ist dem Bassisten Andres und der Pianistin Ambuehl vorbehalten. Sanft und bestimmt führt Andres in das Stück ein, die hohen Pianotöne rühren an. Als Lou Lecoudey die Posaune darin einbettet, ist Neele Pfleiderers Stimme bereits ein Teil des Klanggesamtbildes. Die Gesangspassagen wechseln, wie beim Jazz üblich zwischen Text und reinen gescatteten Tonfolgen, die hier zwischen sonnig und warm sowie melancholisch und energisch hin- und herspringen. Neele Pfleiderers Timbre ist dabei warm, ihre Stimme verfügt über eine enorme Bandbreite von Farben.

Kein Jazzer kommt an den lateinamerikanischen Einflüssen und Vorbildern vorbei. Neele Pfleiderer erzählt aber immer ihre eigenen Geschichten, wie zum Besipiel bei "Noche de Papel" – eine brasilianische Weihnachtsgeschichte über kleine Altpapierfetzen, die den Schnee imitierend in der Weihnachtszeit aus den Fenstern geworfen werden. Und natürlich geht es auch um die Liebe. Dezenter Sambarhythmus bildet das Grundgerüst, auf den Pfleiderer zunächst fast erzählerisch einsteigt. Tempowechsel: Oliver Rehmann wirbelt mit hellen, kurzen Beckenschlägen über die eigentliche Rhythmusführung hinaus. Der Gesang wird kraftvoll und weit, Ambuehl gibt mit der zweiten Stimme Sphäre hinzu. Gescattetes Copacabana Feeling.

Das musikalische Zusammenspiel, das Interplay des Quintetts gleicht einer gemeinsamen Meditation. Jeder ist ganz bei sich und dennoch immer im Wechselspiel und in Harmonie mit den anderen.

Eines von Pfleiderers frühesten selbst geschriebenen Stücke trägt den Titel "Sand in My Hands". Und was wie eine vorsichtige Berührung mit geschlossenen Augen beginnt, wird zu einem turbulenten instrumentalen Wirbel, während Neele Pfleiderer gesanglich Sand durch ihre Hände rieseln lässt. In Begleitung der Posaune klingt der Gesang langsam aus. Kontrabass, Flügel und Drums werden zu ruhigen Wellen, die an den Strand rollen.

"Jetzt ist die Zeit", ein Stück mit einem deutschem Text, erinnert stark an Produktionen der Sängerin Joy Denalane. Es animiert und appelliert direkt an das Publikum mit seinen scheinbar einfacheren Melodiestrukturen. Insgesamt ein berührendes Programm, welches in seiner Vielschichtigkeit sowohl fragil als auch kraftvoll über die Rampe kommt.

Ein Abend der sehr deutlich macht, welches kulturelle Potential Lahr auch durch die unermüdliche ehrenamtliche Arbeit des Kulturkreises Lahr e.V. zu bieten hat.