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02. Februar 2012
Deportation und Zwangsarbeit
LEUTE IN DER STADT: Lilli Kerbs berichtet heute vom Schicksal ihrer Familie / Ausstellung "Der Leidensweg eines Volkes".
LAHR. Wenn Lilli Kerbs heute Abend zur Eröffnung der Ausstellung "Der Leidensweg eines Volkes" vom Schicksal ihrer Familie berichtet, dann steht dieses Schicksal für die Geschichte eines ganzen Volkes. Deportation, Zwangsarbeit, Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierung – mit diesen Begriffen muss beschrieben werden, was den Russlanddeutschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion zugefügt wurde.
In Russland selbst wird das Thema nach wie vor totgeschwiegen. "Dieser Teil der Geschichte Russlands ist aus den Geschichtsbüchern gestrichen worden", sagt Lilli Kerbs. Und nicht nur das. Es ist bis heute verboten, darüber zu sprechen. Die traumatischen Erlebnisse jener Zeit und deren Nachwirkungen reichen indes bis in das heutige Leben der Menschen. Lilli Kerbs Vater zum Beispiel konnte erst hier in Deutschland über das erzählen, was ihm damals in Russland zugefügt worden war: "Wir durften das ja nicht aussprechen. Es kam erst raus, als er hier zur Ruhe gekommen war."Lilli Kerbs Vater Harry Hoffmann ist 1931 in der Ukraine geboren, wurde als deutschstämmiger Junge von der deutschen Wehrmacht nach deren Einmarsch in Russland nach Deutschland geholt und nach Kriegsende von der russischen Armee wieder zurück nach Sibirien verfrachtet. Ihr Schwiegervater wurde unter Stalin in ein Arbeitslager gesteckt und musste elf Jahre dort schuften, weil er sich zu seinem Glauben bekannt hatte. Ihre Mutter Erna Hoffmann, wie auch alle Verwandten von dieser Seite, wurden aus der Wolgarepublik vertrieben, die dortige Infrastruktur mit Schulen und Kirchen aufgelöst und zerstört.
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Lilli Kerbs ist 1951 in Krasnoturinsk am Westrand des Ural geboren worden, einer Stadt mit etwa 800 000 Einwohnern, in Russland aufgrund ihres Stadtbilds auch Klein-Petersburg genannt. Mit 15 Jahren hatte sie die Schule beendet und ein Lehramtsstudium begonnen. Sie zog mit den Großeltern nach Kirgisien, arbeitete als Grundschullehrerin, lernte ihren Mann Alexander Kerbs kennen und zog mit ihm zurück nach Tyumen im südlichen Sibirien, in die Nähe ihrer Geburtsstadt. Er hatte Germanistik und deutsche Literatur studiert und bekam einen Lehrstuhl für Fremdsprachen an der Uni.
Sie selbst arbeitete bis zur Ausreise der Familie 1990 elf Jahre lang in einem großen Betriebskindergarten, zum Schluss als stellvertretende Leiterin. Vier Söhne bekam das Ehepaar Kerbs, sie alle sind mit in den Westen umgesiedelt. Zwei leben heute in Lahr, einer am Bodensee und einer in Bremerhaven. In Deutschland wurden weder ihr noch ihm die Ausbildung und ihre Berufstätigkeiten anerkannt. Durch seine große Beharrlichkeit erreichte es Alexander Kerbs schließlich, wenigstens an der Gewerbeschule in Kehl unterrichten zu können. Später wechselte er nach Lahr, insgesamt arbeitete er noch 16 Jahre als Lehrer, bevor er vor zwei Jahren starb. Sein Glück war wohl, dass er genau zu dem Zeitpunkt eine Stelle suchte, als viele Kinder von Spätaussiedlern an der Gewerbeschule waren und er sie auch auf russisch ansprechen konnte. Dazu kam, dass er durch seine eigenen vier Söhne die Situation der Schüler gut einordnen konnte.
Lilli Kerbs dagegen entschied sich für die Umschulung zur Arzthelferin und hat in diesem Beruf hier ebenfalls noch 16 Jahre gearbeitet – bis zur Rente. Heute lebt sie mit ihrem Vater und der Familie eines Sohnes in den eigenen vier Wänden in Lahr. Sie engagiert sich in der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als Kulturreferentin, ist stellvertretende Vorsitzende der Ortsgruppe und hat die Ausstellung mit entwickelt.
Autor: Hagen Späth


