Lahr

Der richtige Umgang mit sozialen Netzwerken

pbs

Von pbs

Do, 15. November 2012

Lahr

Medienexperte Uwe Sailer erklärt im BZ-Interview, worauf man in sozialen Netzwerken achten muss - und wo Gefahren lauern.

LAHR. Soziale Netzwerke wie Facebook & Co üben nicht nur auf Jugendliche einen enormen Reiz aus. In Lahr ist jeder Dritte bei Facebook registriert. BZ-Mitarbeiterin Bettina Schaller wollte vom Medienexperten Uli Sailer wissen, was beim Klick im Internet legal, illegal oder fatal ist. Sailer sprach im Rahmen des "Haltlos"-Projekttags über die sogenannten sozialen Medien und Netzwerke.

BZ: Heute du, morgen ich, ist niemand mehr sicher im Netz?

Sailer: Gegenfrage: Haben Sie schon einmal die Bedienungsanleitung von Google gelesen? Die Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärungen? Es wäre für jeden gut zu wissen, wie Google persönliche Daten nutzt. Es wird nämlich genau dokumentiert, auf welchen Seiten wann und wie lange jemand war. Google saugt viel mehr Daten ab, als die Nutzer glauben. Ein Webprotokoll wird über zwei Jahre gespeichert. Wer in die USA reisen will, sollte drüber nachdenken, wo er im Internet gesurft hat, damit die Einreise nicht verweigert wird.

BZ: Das ist doch nicht erlaubt. Der Datenschutz lässt das nicht zu, zumindest in Deutschland, oder?

Sailer: Das ist richtig, aber eben nur nach deutschem Datenschutz. Sobald wir den Suchen-Knopf bei Google klicken, gehen wir mit einer amerikanischen Firma einen Vertrag ein und stimmen zu, dass Google meine Daten dauerhaft in den Staaten speichert und das ist nach amerikanischem Recht gestattet.

BZ: Kann ein Mensch dabei noch den Überblick bewahren, den Datendschungel noch durchblicken, anonym und sicher surfen?

Sailer: Der Klick "Zulassen" ist im Internet das böse Zauberwort. Das ist so, als würde man "big brother is watching you" persönlich einladen. Nicht nur, dass man die eigenen Daten zur Weiterverwendung frei gibt, bei Facebook können das auch Fotos, Statusmeldungen und Infos der Freunde und über die eigenen Freunde sein.

BZ: Facebook ist der Tummelplatz für junge Leute. Manche zeigen sich im wahrsten Sinne des Wortes nackt im Netz. Woher kommt es, dass das Interesse am Schutz der Persönlichkeit, der eigenen Daten, so gesunken ist und die jungen Leute so exhibitionistisch sind?

Sailer: Das weiß ich nicht. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, es seien nur Jugendliche bei Facebook. Jeder dritte Deutsche vom Säugling bis zum Greis ist registriert, das können nicht nur Kids sein. Was den Datenschutz angeht: Es gab schon immer Menschen, die sorglos mit ihren Daten umgegangen sind. Nehmen Sie nur die Gewinnspiele. Glauben Sie, dass jemand das im Einkaufszentrum ausgestellte Auto mit seiner Teilnehmerkarte gewinnt? Da werden nur Adressen eingesammelt.

BZ: Kürzlich wurde eine junge Kanadierin über Facebook so gemobbt, dass ihr Hilferuf, auch über Facebook, ungehört verhallte und sie sich das Leben nahm. Gibt’s keine Hilfe für Cybermobbing?

Uli Sailer: Der Schutz besteht darin, nicht sorglos mit dem eigenen Profil und den eigenen Daten umzugehen. Wird man gemobbt, sollte man sich unbedingt helfen lassen. Das heißt, sich an Vertrauenspersonen – ich mach das auch – mit einem Hilferuf wenden. Ganz wichtig: mit Screenshots Beweise sichern. Denn Angreifer entfernen gerne solche Beweise. Die sind dann zwar unsichtbar, aber nicht gelöscht. Die Löschtaste funktioniert im Internet nicht. Das unterschätzen die meisten. Man hinterlässt immer eine Spur im Internet.

BZ: Alle sprechen über Facebook, aber es gibt auch andere soziale Netzwerke wie ICQ, StudiVZ, SchülerVZ, Skype und vieles mehr – sind diese ungefährlicher?

Sailer: Beileibe nicht. Die Kamera des Laptops oder Computers sollte mit einem Clip oder Pflaster zugeklebt sein und wenn überhaupt, dann nur beim Skypen an sein, denn es kann passieren, dass sich ein Angreifer schon längst in die Kamera eingeschaltet hat, ohne dass man es weiß. Der schaltet sich dann in ihre vier Wände.



BZ: Und beim Smartphone?

Sailer: Nehmen wir "WhatsApp" den kostenlosen sms-Dienst für Smartphone.

BZ: Ist doch günstig für junge Menschen. Stimmt es, dass das Adressbuch unverschlüsselt von WhatsApp verschickt wird und damit für andere möglicherweise Angreifer nutz- und lesbar wird?

Sailer: Die Sicherheitslücken sind enorm. Da können Smartphones so gehackt werden, dass man nicht merkt, dass über die Kamera ein "streetview" gemacht wird. Irgendwie müssen die kostenlosen sms ja finanziert werden.

BZ: Gerade haben Sie den Zuhörern gezeigt, dass ihre Handys nicht gegen unbefugtes Eindringen sicher sind. Habe ich mit meinem Handy auch einen Bewegungsmelder?

Sailer: Wenn Bluetooth, WLAN oder das GPS eingeschaltet ist, allemal. Mit einer gewissen Hackersoftware, die ganz Schlaue schnell im Netz finden, kann ich Handys ganz einfach scannen.

BZ: .. Bluetooth ausschalten?

Sailer: Bluetooth ist eine tolle Sache, die man gerne der Bequemlichkeit halber nutzt. Einschalten tu ich’s nur, wenn ich es grad brauche. Ist das Bluetooth eingeschaltet, kann der Nebenmann auf ihr Handy zugreifen. Beispielsweise unerlaubt gesaugte Filme, Musik – und der jeweilige Handybesitzer hat dann das rechtliche Problem.

BZ: Illegal im Netz, ein Riesenproblem und ein sehr teures obendrein. Was läuft da verkehrt?

Sailer: Viele glauben, das Internet sei ein rechtsfreier Raum. Dann machen sie die kostspielige Erfahrung, dass dem nicht so ist.

BZ: Musik und Filme?

Sailer: Illegal Filme und Musik saugen aber auch schon anschauen, also streamen kann ein Vermögen kosten, weil die Kopien, die da im Netz umherschwirren, Raubkopien sind. Gerade das Anschauen der Filme über die bei Kids bekannten kinox.to und movie2k.to bergen Kostenfallen, die bis zu 10 000 Euro kosten können. Zum "Nur-Anschauen" hat sich Anfang 2012 nach dem Urteil eines Leipziger Gerichtes die Rechtslage völlig verändert. Schon das Anschauen von Filmen ist strafbar. Einzige Möglichkeit: Filme bei den großen Videoportalen Youtube, Clipfish und MyVideo anschauen. Hier können wir als Nutzer davon ausgehen, dass das "offensichtlich legale Quellen" sind. Alles andere sind dementsprechend "offensichtlich illegale Quellen". Da kann ich auf jeden Fall mit einer satten Strafe rechnen.

BZ: Richtig unheimlich, muss ich dann Laptop, I-Pad, Smartphone in dem Müll werfen? Ein Leben ohne Internet führen?

Sailer: Nein. Wir alle brauchen Internet. Wir alle machen den gleichen Fehler. Die Problematik im Netz ist der "Double-Klick". Da ist es egal, was man macht, es wird mitgeschrieben. Man muss wissen: Wenn ich im Internet etwas kostenlos will, zahle ich mit meinen Daten. Alles, was ich mit google suche, wird protokolliert. Jedes App hat eine Hintergrundplattform, die auf meine Daten abzielt.

BZ: Wenn ich das meinen Kindern erzähle, glauben die mir kein Wort. Die glauben, Eltern hätten eh keinen Schimmer vom Internet und sie wären die Freaks. Wie sehen Sie das?

Sailer: Deshalb halte ich morgens die Vorträge für Schüler, und abends für Eltern. Eltern müssen ihre Kinder auf dem Datenhighway begleiten. Sie schicken doch ihr Kind auch nicht ohne Aufsicht auf die Autobahn.

Buchtipp: "Das Facebook-Buch für Eltern" von Tobias Albers-Heinemann & Björn Friedrich, O’Reilly Verlag, 17,90 Euro

Weitere Infos im Internet unter http://www.uli-sailer.de www.klicksafe.de, http://www.internet-abc.de