Ein bisschen mehr Distanz, bitte

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Mo, 24. Juli 2017

Lahr

Kreisler à la Konstantin Schmidt.

LAHR. Konstantin Schmidt nennt sein Programm "Schwärzer die Lieder nie klingen" mit Chansons von Georg Kreisler. "Musik-Kabarett", aber das führt in die Irre. Auch Georg Kreisler, der am 18. Juli (und nicht am 22., wie Schmidt fälschlicherweise ausgab) 95 Jahre alt geworden wäre, wenn er nicht 2011 gestorben wäre, war kein Kabarettist. Zeitlebens verwahrte er sich erfolglos gegen eine solche Einordnung.

Als musikalisch und literarisch hochbegabter Analytiker der menschlichen Seele hat Kreisler das Abgründige, faszinierend Böse, Exzentrische und Anarchische gepflegt, das Konstantin Schmidt völlig abgeht. Den Rest, das virtuose Klavierspiel mit den vielen musikalischen Zitaten und ironischen Trillern, der kehlig-tremolierende Gesang und die durch die Zähne gequetschten Gemeinheiten beherrscht Schmidt dagegen bestens, auch wenn ein paar kleinere Textunsicherheiten bewiesen, dass das alles zusammen gar nicht so leicht nachzumachen ist. Dass Schmidt das ohnehin schon beachtliche Tempo der Kreisler-Originale oft noch forciert, war allerdings eine unnötige Komplikation.

Überhaupt – soll man das Gesamtkunstwerk Kreisler eigentlich nachmachen? Eher nicht. Wer das Original aus eigener Anschauung oder auch nur von der Konserve her kennt, muss Konstantin Schmidt als bemüht, begabt, aber weit weg vom von ihm selbst von Kindheit an verehrten Original empfinden. 2009 war Schmidt schon einmal mit einem Kreisler-Programm im Stiftsschaffneikeller zu Gast gewesen, 2012 hatte er eigene Lieder präsentiert, von denen er am Samstagabend eines als Zugabe unterbrachte, das durchaus Lust auf mehr machte. Nur sollte Schmidt dann auch den Kreisler-Habitus ablegen, den er sich über Jahre vielleicht allzu stark antrainiert hat.

Natürlich erklangen die Kreisler-Hits "Tauben vergiften im Park", "Der Musikkritiker", und auch der "Triangelspieler" durfte mit seiner Instrumentenwahl hadern. Außer den Tauben müssen auch die Geliebten (Bidla bu), Ungeliebten (Geben Sie acht) und der "Franz" dran glauben. Gemordet wird im Dreivierteltakt, im Polka- oder Tangorhythmus. Kreislers Lieder sind bekannt für ihren schwarzen Humor – doch der Sprach- und Musikwitz und seine große Freude an surrealen Szenarien sind eigentlich das, was sie auszeichnet. "Zwei alte Tanten" gehört in diese unvergessliche Kategorie, und natürlich der rätselhafte "Bluntschli". Insgesamt erlebten die Zuhörer einen vergnüglichen, musikalisch überzeugenden Abend mit Konstantin Schmidt. Viel Applaus, drei Zugaben.