Ein Stimmband – viele Stimmen

Ulrike Le Bras

Von Ulrike Le Bras

Mo, 18. September 2017

Lahr

Sabine Murza, alias "Murzarella", begeisterte mit ihrem Programm "Bauchgesänge und andere Ungereimtheiten".

LAHR. Bauchgeräusche sind im normalen Leben nicht so beliebt. Kommen sie aber in Form von Gesängen auf einer Bühne vor, dann kann daraus große Kunst werden, die einen Saal voll Zuhörer vom Hocker haut. So geschehen am Freitagabend im Stiftsschaffneikeller.

"Bauchgesänge und andere Ungereimtheiten" nennt die Künstlerin Sabine Murza, alias Murzarella ihr Programm, das sie zusammen mit ihrem Begleiter am Keyboard, der bescheiden im Hintergrund agiert und einfach nur als Holger vorgestellt wird, sowie drei Puppen mit je ganz eigenem Charakter bestreitet.

Da ist zunächst Dudu, ein stark narzisstisch veranlagter, rotzlöffelfrecher Kakadu mit lustig auf und ab wippenden Kopffedern, den Murza in den "Dialogen" sämtliche allzu menschlichen Verhaltensregister ziehen lässt: von fast beleidigend unverschämt bis unschuldig lieb darf er auf sie einplappern, dabei auch vor verbalen Peinlichkeiten wie Cellulitisschenkel oder Wechseljahresproblemen nicht zurückschrecken.

Zweite im Bunde ist Adelheid, gestaltet als Typ "älteres Fräulein", das von Berufs wegen mit dem Staub der Buchhaltung bedeckt ist, sich aber heimlich auf die glitzernden Bühnen der Welt träumt, einer verflossenen Matrosenliebe hinterherweint, aber gleichzeitig keine Gelegenheit zum koketten Flirt mit den Männern im Publikum auslässt. Die Aufmachung und die "Gespräche" mit dieser Figur haben etwas dezent Gepflegtes. Ganz anders die dritte Figur, "Kalle", mit kernigem Ruhrpott-Akzent und Schalke-Schal, der sich in seiner Rolle als Kanalratte ganz gut gefällt und für manchen Lacher sorgt.

So gab es also schon allein von puppenspielerischer Seite her alles, was es braucht: perfekt geführte, in sich stimmige Figuren mit nachvollziehbaren Geschichten. Dazu die richtige Dosis Frechheit, Pep, Witz. Was das Programm aber zum wirklich einzigartigen Erlebnis macht, sind die Bauchgesänge, die jedem ernst gemeinten Vorsingen im Opernhaus standhalten würden.

Aus dem Bauch heraus geschmettert

Kommt die Stimme Sabine Murzas in der Rolle als Murzarella in fülliger, samtiger mittlerer Lage daher und klingt frappierend ähnlich wie die der französischen Jazz-Chanson-Sängerin Patricia Kaas, so legt sie in der Figur der Adelheid richtig los, geht in die nächsthöhere Lage und fasziniert mit der in perfektem Klassiktimbre intonierten Arie der "Königin der Nacht" – wohlgemerkt im wahren Wortsinn aus dem Bauch heraus geschmettert, mit solch unglaublicher Leichtigkeit und ohne dass der Zuschauer auch nur eine Mundbewegung wahrnehmen kann. Das hatte wirklich was von Genie. Zumal Murza in der Rolle der Kanalratte Kalle auch die rauen Tiefen zu bedienen versteht und in der Rolle des frechen Kakadus das Krächzen und Zwitschern in Höchstlagen wie auf Knopfdruck ein- und ausschalten kann.

Der Kracher kam gegen Ende: da liefert sich die Sängerin ein witziges Gesangsduell mit ihrer Puppe Dudu und singt dabei im Prinzip mit sich selbst ein Duett, holt mühelos zwei Stimmen aus einem einzigen Stimmband. Wen wundert's also, dass das Publikum einfach nicht genug kriegen wollte und als Zugaben noch einen fetzigen "Mustang Sally" herausklatschte und schließlich mit dem Rausschmeißer "Hit The Road, Jack" nach Hause geschickt wurde.