"Luftlinie mit Buggelwind"

Heinz Siebold

Von Heinz Siebold

Mi, 10. Oktober 2018

Lahr

Alemannische Lyrik und Prosa ist ein weiteres Mal mit der "Lahrer Murre" ausgezeichnet worden.

LAHR (BZ). Bereits zum sechsten Mal ist am Montag im Lesesaal der Mediathek die "Lahrer Murre" verliehen worden. Im Mundartwettbewerb gewann Kathrin Ruesch in der Kategorie Lyrik vor Daniel Gutmann. Bei der Prosa kam Willi Keller auf den ersten Platz, gefolgt von Adelheid Ockenfuß.

Der Preis für alemannische Mundartliteratur ist nach dem traditionellen Hefestück der Lahrer Bäcker benannt. "Auch wenn es in Stockholm diesmal keinen Literaturnobelpreis gibt, auf die Murre ist Verlass", lobte Moderator Heinz Siebold das Organisationsteam der Mediathek mit Birgit König und Diana Dold für ihr Engagement. Die Murre ist ein Preis, der sich nicht vordringlich an etablierte Autoren, sondern ausdrücklich auch an Amateure richtet. "Diese Preisverleihung ist ein wenig wie das Leipziger Allerlei", zog der aus Sachsen stammende Lahrer Erste Bürgermeister Guido Schöneboom humorvoll einen überraschenden Vergleich heran. "Alle Zutaten werden separat zubereitet, zusammen ergeben sie etwas Besonderes."

Zwei Dutzend Autoren haben teilgenommen

Die preiswürdigen Happen aus der Fülle von gut zwei Dutzend Einsendungen herauszufinden, war die Aufgabe der Jury. Die BZ-Redakteurin Ulrike Derndinger und die beiden ehemaligen Lehrer Ludwig Hillenbrand und Stefan Pflaum verliehen in den Sparten Lyrik und Prosa jeweils erste und zweite Preise, die mit 300 beziehungsweise 200 Euro dotiert sind. Sichtbarer Ausdruck für die Wertschätzung und zum Mitnehmen nach Hause ist eine Murre, handgefertigt vom Holzschnitzer Adrian Burger.

Den zweiten Preis in der gereimten Disziplin gewann mit Daniel Gutmann (53) ein nach Rheinland-Pfalz gezogener gebürtiger Münstertäler. Der Yoga-Lehrer hat seine sprachlichen Wurzeln aber nicht vergessen und ringt in seinem Gedicht "S duurt jo jetzt nümme so lang" um Antworten auf viele Fragen. Die Zeit sei gekommen, doch für was? Wohl über das, "was het gmacht werre mieße". Während die Zeit eben vergeht.

Den ersten Preis verlieh die Jury ebenfalls einer Südbadenerin, der aus Buggingen im Markgräflerland stammenden Kathrin Ruesch (24). Die krankheitshalber verhinderte Studentin hat mit dem Gedicht "Luftlinie mit Buggelwind" den Laudator Stefan Pflaum mit "rhythmisch großartigen, schmerzverdichteten, drängenden Zeilen" beeindruckt. Eine Person klagt über das Eingesperrtsein. "In einem Gefängnisbau oder einem Seelengefängnis?" rätselt der Laudator. "Im Räderwerk seiner Gedanken, inneren Nöte und Ängste und will sich endlich befreien?" Es scheint so, denn der Schluss legt ein Fortfliegen mit Rückenwind nahe.

Ungereimte Prosa zu schreiben scheint leichter zu sein, doch die gekonnt aufgebaute Erzählung erfordert ähnliche Anstrengung wie die Lyrik. Die Trägerin des zweiten Preises, die in Allmannsweier als zehntes Kind einer Bauernfamilie geborene Adelheid Ockenfuß (69), beschreibt zügig und schnörkellos eine überraschende Begegnung am Waldmattensee mit dem Titel "Dr Schutzängl". Als Schutzengel entpuppt sich beim gemeinsamen Schwimmen im See ein junger Mann, der auf einer Radtour Station am Baggersee macht, sich unbefangen mit der Dame anfreundet und mit ihr den Tag verbringt. "Man fühlt, dass hier etwas Leises, Unspektakuläres, aber umso mehr Gutes geschieht", betont Laudatorin Ulrike Derndinger. Zum Schreiben habe sie noch der verstorbene Oberbürgermeister Philipp Brucker animiert, bekennt Adelheid Ockenfuß.

Geheimnisvoller Loimebuckel

Sieger des Prosa-Wettbewerbs wurde der ehemalige SWR-Nachrichtenredakteur Willi Keller mit dem Text "De Loimebuckel". Der gebürtige Oppenauer beschreibt, wie das Abtragen eines Lehmhügels das ganze Dorf aufwühlt, weil befürchtet wird, dass lange verschwiegene Geheimnisse, gar Verbrechen freigelegt werden könnten. So wird der Loimebuckel zum "Symbol für das Ungesagte, Verschwiegene, Verdruckste", empfindet es Laudator Ludwig Hillenbrand. "Halb Krimi, ein wenig Mystery, etwas Dorfgeschichte", die Erzählung fasziniere durch die typischen alemannischen Andeutungen wie "ein Gewitter – aber wie!".

Stilsicher und unterhaltsam umrahmt wurde die Preisverleihung durch den Musiklehrer und Entertainer Helmut alias "Hämme" Dold mit Liedern über den langen Weg einer immer weiter verschenkten Weinflasche bis zu ihrer Rückkehr, dem Bekenntnis "I schmieß mi weg – für e Rampe Speck" und der Klage über die verschwundenen "Schlappe vom Babbe". Die Preisträger der Murre werden ihre Texte im Mai nächsten Jahres noch einmal in der Hammerschmiede in Reichenbach im Rahmen der Literaturwoche "Orte für Worte" vortragen. Lahrer Murren werden auch 2019 vergeben.