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03. Mai 2010

Mit DDR-Unrecht wird viel zu lax umgegangen

Der ehemalige Stasi-Häftling Mario Röllig berichtet aus seinem Leben und von Verleumdungen, die bis heute anhalten.

  1. Zeitzeuge Mario Röllig bei seinem Vortrag im Scheffel-Gymnasium. Foto: heidi fössel

LAHR (ej) Der Urberliner Mario Röllig sieht nicht aus wie jemand, der an einer "posttraumatischen Belastungsstörung" leidet, und er redet auch nicht so. Aber – das wurde in seinen beiden Vorträgen am Freitag im Scheffel-Gymnasium überdeutlich – vieles ist "ehmt halt nich so", wie es auf den ersten Blick scheint.

Die Einladung des ehemaligen Stasi-Häftlings kam auf Initiative von Mitgliedern des Freundeskreises des Scheffel-Gymnasiums zustande. Morgens stand der Zeitzeuge Oberstufenschülern Rede und Antwort, am späten Nachmittag fanden sich allerdings nur wenige Zuhörer zum öffentlichen Vortrag ein. Röllig erzählt seine Lebensgeschichte trotz des ernsten Hintergrunds durchaus unterhaltsam. Seine Kindheit und Jugend in der DDR als Sohn eines systemkonformen, aber frei denkenden Ehepaars. In der Schule gibt er – mehr aus Lust an der Provokation als aus politischer Überzeugung – gern Widerworte und eckt damit schon gehörig an.

Ex-Stasi-Mitarbeiter: "Reue ist was für kleine Kinder"

Richtig in Konflikt mit der SED-Diktatur gerät der schwule 17-Jährige, als er sich bei einem Ungarn-Urlaub in einen westdeutschen Politiker verliebt und sich später auch weiterhin in Berlin mit ihm trifft. Bei einem naiven Fluchtversuch nach Jugoslawien wird er gefasst und ins Stasi-Gefängnis nach Hohenschönhausen gebracht. Mit Lockmitteln wie der Aussicht auf eine eigene Wohnung und einen Trabbi, Einschüchterung, psychologischem Druck und strengen Repressalien soll er dazu gebracht werden, mit der Stasi zusammenzuarbeiten und seinen West-Freund zu bespitzeln. Doch Röllig weigert sich, wird nach drei Monaten in die DDR entlassen und stellt – nachdem ihn die Stasi weiter unter Druck setzt – einen Ausreiseantrag.

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Nur durch die Einwirkung seiner Eltern und seiner westlichen Freunde gelingt es, ihn freizukaufen. Doch nach der Ankunft im Westen stellt sich heraus, dass der Freund Familie hat, das erhoffte private Glück bleibt verwehrt. Dass er endlich in Freiheit lebt, baut Röllig auf. Verständlich ist daher auch seine Reaktion, als er anderthalb Jahre später die Maueröffnung erlebt: Er freut sich darüber, seine Familie besuchen zu können, und hat zugleich Angst davor, seinen ehemaligen Peinigern wieder zu begegnen.

1999 geschieht genau das: Röllig arbeitet als Verkäufer, sein ehemaliger Stasi-Verhörer steht ihm mit einem Mal als Kunde gegenüber. Röllig spricht ihn daraufhin an, doch der Mann fühlt sich immer noch im Recht. "Reue ist was für kleine Kinder", befindet der Ex-Stasi-Mann, der nach der Wende als Rechtsanwalt viel Geld verdient. Röllig bricht zusammen, kommt in die Psychiatrie, und wieder sind es Eltern und Freunde, die ihn ermuntern, als Zeitzeuge in der Gedenkstätte Hohenschönhausen von seinem Leben zu erzählen. Mittlerweile gibt es auch Filmdokumentationen, ein Theaterstück und ein Buch, in dem Röllig von seinen Erlebnissen erzählt.

So erschütternd die Lebensgeschichte des 42-Jährigen ist, fast noch mehr machen seine Erfahrungen mit der Aufarbeitung des Unrechts befangen. Üble Nachrede kannte seine Familie schon aus der DDR-Zeit, als den Freunden der Eltern eingeredet wurde, Röllig sei als Schwerverbrecher verhaftet worden. Derzeit muss sich Röllig nach eigenen Worten auch gegen Verleumdungen in Internet-Blogs von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern juristisch zur Wehr setzen.

Angela Merkel hat mehr getan als Fischer oder Schröder

Röllig, mittlerweile CDU-Mitglied, lobt Angela Merkel, die mehr zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte geleistet habe als Gerhard Schröder oder Joschka Fischer. Und er wirft Richtern vor, als "verbohrte Alt-68er" zu lax gegen Stasi-Unrecht zu urteilen. Auch den Medien gibt er eine Mitschuld daran, dass DDR-Unrecht verharmlost werde und mit der Linken als SED-Nachfolgepartei zu freundlich umgegangen werde. Auf Zuhörerfragen, die vor allem darum kreisten, warum in der ehemaligen DDR keine Aufarbeitung stattfinde, antwortete Röllig, dass vor allem ältere Menschen, die sich nach der Wiedervereinigung als Verlierer sähen, die Vergangenheit verklärten. Und von CDU, SPD, Freien und Grünen verlangte er, dass sie sich stärker um die Jugendlichen in den neuen Bundesländer kümmern müssten, um den Aktivitäten der Linken und auch der NPD auf diesem Gebiet ein demokratisches Angebot entgegenzusetzen. Im Gegensatz zu Rölligs Erfahrungen bei Auftritten in Berlin, regte sich in Lahr kein Widerspruch.

Autor: ej