Schmerzvoll erleben die Zuschauer eine Bewusstwerdung

Babette Staiger

Von Babette Staiger

Di, 15. Mai 2018

Lahr

Die Lahrer Literaturtage "Orte für Worte" starten mit "Kassandra" in der furiosen Bühnenfassung mit Cornelia Gutermann-Bauer.

LAHR. "Orte für Worte", so sind die seit 2014 bestehenden Lahrer Literaturtage benannt. Das Konzept: Literatur an ungewöhnlichen Orten erst richtig wirken zu lassen. Doch manchmal klappt das auch mit einem recht konventionellen Versuchsaufbau: Man nehme eine wortgewaltige Autorin und lege ihre Literatur in den Mund einer leidenschaftlichen, begabten Schauspielerin. Als Aufführungsort wähle man die dichte, weil intime Atmosphäre des Lahrer Stiftsschaffneikellers.

Mit diesem Versuchsaufbau ist dieses Jahr die Eröffnung der Lahrer Literaturtage mehr als gelungen: Sie beginnen nicht mit der leichten Muse, sondern mit Christa Wolfs Kassandra, in einer von ihr selbst autorisierten Bühnenfassung, die Regisseur Günter Bauer erarbeitet hat.

Die sprachlich äußerst gewissenhafte und in ihrer Gestik stets dem Sprachgeschehen mitfühlend folgende Schauspielerin Cornelia Gutermann-Bauer meisterte am Samstagabend nicht nur einen 80-minütigen Monolog, sie riss vielmehr als Kassandra das Publikum in einen Strudel aus Machtverstrickung und feministischem Aufbegehren hinein. So gut, dass manch antiker griechischer Tragödienautor sich über die Katharsis gefreut hätte, die so ziemlich jede und jeden an diesem Abend erfasste. Etwas, das mit einer reinen Lesung wahrscheinlich nicht zu erreichen gewesen wäre.

In der Inszenierung gelingt es mit traumwandlerischer Sicherheit drei Achsen aus Wolfs gleichnamiger Erzählung reliefartig herauszuarbeiten und damit für das Publikum, wenn auch nicht gleich intellektuell, so doch sofort emotional begreifbar zu machen:

Kassandra ist Beispiel für eine Frau, die ihr Leben in einer patriarchalen Gesellschaft durchleiden muss. Sie entstammt als Tochter des Priamos der Königsfamilie, ist Priesterin und Seherin, kann jedoch an den bestehenden Verhältnissen – auch an ihrer inferioren Rolle als Frau – nichts ändern. Gleichzeitig ist die Erzählung, die sich geschickt dem antiken Thema des Untergangs Trojas widmet, unschwer als Parabel zu verstehen, die die unmenschliche Kriegsideologie samt zugehöriger Feindbilder einer Diktatur schonungslos offenlegt: "Mitten im Krieg fragt man nicht, wer wohl angefangen hat." Ein Satz, der sicherlich auch das aktuelle Geschehen in Syrien und anderswo treffender nicht beschreiben könnte. Die dritte Achse, die vor allem dem Monolog auf der Bühne Tiefe gibt, das sind die drastischen psychischen Auswirkungen des "Bewusst-Zusehen-Müssens" auf das einzelne – machtlose – Individuum. Eben das verkörpert Gutermann-Bauer als Kassandra.

Schmerzvoll erleben die Zuschauer eine Bewusstwerdung mit, zu der Christa Wolf die Protagonistin sagen lässt: "Sehend zu werden hat mich fast zerbrochen." Das sagt Kassandra gegen Ende ihrer Lebenstragödie. Sie, die einst von Apoll damit bestraft wurde, selbst als angesehene Priesterin nicht gehört zu werden. Weil sie sich einem tumben Entjungferungsritual entzog und dabei dennoch ihre große Liebe Aeneias fand. Weil sie Zuflucht bei der friedlichen Gegenbewegung zum herrschenden System gesucht hatte, die Aeneias Vater Anchises ins Leben gerufen hatte – und also sehen konnte, wie eine andere, menschlichere Gesellschaft aussehen kann. Weil sie auf der Gegenwartsebene des Monologes sehend der Rache der Feinde Trojas – nämlich ihrer Ermordung – entgegengeht.

Das alles trat an diesem Abend offen zutage im Stiftsschaffneikeller. Dank der Schauspielerin Cornelia Gutermann-Bauer ist dessen kleine Bühne ein Ort geworden, an dem Worte zu einem erlebbaren Drama wurden. Man kann dem Lahrer Kulturkreis und den Initiatoren der Literaturtage zu diesem Kunstgriff nur gratulieren.