Unterschlagene Delikatessen

Ulrike Le Bras

Von Ulrike Le Bras

Di, 14. Februar 2017

Lahr

Theresa Winterer und Benedikt Fox zelebrieren in Lahr die Wiederauferstehung des Chansons.

LAHR. "Eine Katastrophe!" – so lautete zwar der Titel des Chanson Abends, den das Duo Theresa Winterer und Benedikt Fox am Samstagabend im Lahrer Stiftsschaffneikeller gegeben hat, doch der Kulturkreis als Veranstalter kann glattweg vom Gegenteil berichten: mit rund 140 Besuchern platzte der Kellerraum aus allen Nähten. So großes Interesse an dieser Art von Musik ist eigentlich ungewöhnlich: hat das klassische Chanson doch sonst eher ein etwas angestaubtes Image.

Zum außergewöhnlich starken Zulauf hat sicherlich beigetragen, dass der weibliche Teil des Duos, Theresa Winterer, in Schweighausen geboren ist und schon zu Schulzeiten musikalisch in Erscheinung getreten ist: Konzerte und Auftritte im Rahmen von Veranstaltungen der Musikschule Lahr, mehrfache Preisträgerin bei Jugend musiziert. Wer die junge Frau nicht kennt, hätte also mutmaßen können: brave Musterschülerin, die einen netten Abend bereiten wird, aber nicht mehr, oder? Und dann kommt da dieses Energiebündel und liefert Stück für Stück zwei Stunden lang eine Show ab, wie sie frecher, ungehemmter und witziger nicht hätte sein können. Holt zusammen mit ihrem Partner am Klavier, dem in Bad Dürkheim geborenen Benedikt Fox, das Chanson aus der Ecke "gepflegte Langeweile" heraus und zeigt (mit zwei "Ausrutschern" zu Brel und Piaf) wie prickelnd dieses Genre auch in der deutschen Sprache rüberkommen kann, wenn erst mal die Schienen der Popmusik verlassen sind, und die Texter sich erlauben, mit gedanklichen Entgleisungen verbal Ball zu spielen: leicht, erfinderisch, einfach mal probieren, was geht und ob es Spaß macht.

Dass in so einem Programm ein ganz Großer des österreichischen Kunstcouplets wie Georg Kreisler zu finden ist, ist Ehrensache. Seine oft ins Makaber-Morbide abdriftenden Lieder wie "Das Tigerfest" oder "Also geben Sie Acht!" sind auch hierzulande zumindest ab und zu zu hören. Theresa Winterer und Benedikt Fox schaffen es, die ganze Boshaftigkeit und Hinterlist, die in den Texten steckt, mit hinreißender Gestik, Mimik und natürlich Sangeskunst und Sicherheit an den Tasten zu inszenieren.

Verblüfft werden die Zuhörer mit Beiträgen aus der neuen deutschen Chanson-Szene, die den "guten Alten" in nichts nachstehen und krasse Gedankenspiele zu Tage fördern: Bodo Wartkes "Ja, Schatz!" etwa – ein bitterböser Beziehungskrimi, der passend zur unschuldig-naiven Stimmführung mit munterem Klimpern unterlegt ist. Ebenso köstlich der Sprechgesang "Was willste denn in Wien?" von Don Eichhorn, bei dem Theresa Winterer mit viel Pfeffer gewürzte Wut in Szene setzt. Für totale Überraschung sorgt auch ein Stück von Hardy Schwetter alias Christian Steiffen (Hardy wer? Nie gehört!) Doch gerade dessen Chanson "Sexualverkehr" (gesanglich genüsslich in einzelne Silben zerteilt), eine zum Sich-Kringeln witzige Persiflage auf die Popkultur, bringt so richtig erotisches Knistern in den Saal und das Publikum zum entfesselten Mitmachen. Erkenntnis des Abends: Es geht also doch noch was in der deutschen Musikszene. Und die Katastrophe liegt darin, dass dem gemeinen Radiohörer Delikatessen in der Rezeptur, wie sie hier serviert wurden , unterschlagen werden!