Vom Umgang mit den eigenen Wurzeln

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Fr, 21. September 2018

Lahr

Die inklusive Tanzkompanie Szene 2wei probt das neue Stück "Wanderlust?".

LAHR. Nur wenige Gäste haben sich am Dienstagnachmittag zur öffentlichen Probe des neuen Tanzstücks "Wanderlust?" in den Räumen der inklusiven Tanzkompanie Szene 2wei eingefunden. Die Anspannung der sieben Tänzerinnen und Tänzer war dennoch spürbar. Erster Gesamtdurchlauf, erstmals vor Publikum. Wie wird das einstündige Tanztheaterstück gelingen, vier Tage vor der Premiere in Reutlingen?

Anne-Hélène Kotoujansky, Eiji Takeda, Fuuko Shimazaki, Jörg Beese, Matthieu Bergmiller, Mukdanin Phongpachith und Ricarda Noetzel, alle ganz in Weiß, sind schon zehn Minuten vor Beginn der Aufführung in voller Konzentration, positionieren sich im Raum. Choreograf William Sánchez H. begrüßt kurz, auch er merklich aufgeregt. Vorne im Probenraum, den das Publikum sich als Bühne vorzustellen hat, sitzt Mukdanin D. Phongpachith und bläst minutenlang in kraftvoller Gleichmäßigkeit einen großen Globus-Luftball auf. Das Zeitempfinden schwindet, Ruhe und Konzentration breiten sich aus, die ganze Szene wirkt wie ein Bindeglied zu "#ATME", dem zweiten Teil der Kala-Trilogie, die mit der "Wanderlust?" abgeschlossen wird. Auch dort ging es um Natur und deren Zerstörung, um das Verhältnis des Menschen zu seinen natürlichen Wurzeln. Kala ist ein Wort aus dem Sanskrit für "Zeit".

Bilder, die man kaum aus dem Kopf bekommt

Wie alle Tanzproduktionen von Szene 2wei zeichnet sich auch "Wanderlust?" durch einen besonders bewussten Umgang mit Zeit aus und nimmt in künstlerischer Weise gesellschaftliche Zeitphänomene in den Blick. Erstmals spielt dabei die Sprache eine tragende Rolle, sogar die direkte Publikumsansprache. Fast spielerisch wird das Publikum eingeladen, den Welt-Ballon zwischen sich und dem Tänzer hin und her zu stupsen und mitzuzählen. Fällt er auf den Boden, heißt es "Oh schade", doch aus dem Spiel wird bitterer Ernst und die Frage "Wie viele Jahre haben wir noch?"

Die vier Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser werden in vier ganz unterschiedlichen Szenen von den Tänzern dargestellt. Immer wieder wechseln sich schnelle, mit rockiger Musik unterlegte mit traumartigen Szenen ab. Die Bilder gehen organisch ineinander über. Solistische Einlagen und Gruppenszenen wechseln sich ab, manches Bild ist – trotz der fehlenden Bühne, der einfachen Beleuchtung, der Musik vom Band – so eindringlich, dass man es kaum mehr aus dem Kopf bekommt. Wie die Gruppe die wie Tumbleweed rollende Ricarda Noetzel mehrfach über die ganze Bühne treibt, wie zuckende Körper sich zu einem Knäuel verbinden, oder windgegerbte Holzstücke in gefährdeter Balance zwischen Mensch und Natur gehalten werden.

Wind kann man mit Pappen auf der Bühne erzeugen, Feuer wird durch Reibung und Erde durch Holz symbolisch dargestellt. In der letzten Sequenz wird das Wasser physisch verwendet, es quillt aus den Tänzern heraus, wird mit einem großen runden Spiegel metaphorisch aufgegriffen. Ein durchaus verstörendes Schlussbild, aber kein fatalistisches. Menschen können etwas tun, am besten gemeinsam, ist die Botschaft der "Wanderlust?"