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21. Mai 2015 07:47 Uhr

Test in Lahr

Neue Lärmschutzregeln für Motorräder sind eine Farce

Für Anwohner die Hölle, für Motorradfahrer Musik im Ohr: heulende Motoren. Eine neue EU-Verordnung will der Lärmbelästigung einen Riegel vorschieben. Doch die Reform greift viel zu kurz. Das hat eine Testfahrt mit der Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung in der Ortenau gezeigt.

  1. Wie laut darf ein Motorrad sein? Der TÜV demonstriert auf dem Flugplatz, dass auch die von der EU verschärften Regeln nicht ausreichen, um lärmgeplagte Anlieger zu schützen. Foto: BETTINA SCHALLER

  2. Der kritische Blick aufs Messgerät Foto: Bettina Schaller, Bettina Schaller Presse

Für die einen die Hölle, für die anderen Paradies: heulende Motoren. Bei den motorisierten Zweirädern produziert der Auspuff den Sound. Der geht vom Blubbern einer Harley bis zum Kreischen japanischer Rennmaschinen. Die Politik will der Lärmbelästigung einen Riegel vorschieben. Mit Erfolg? Eine Probe aufs Exempel, vorgeführt vom TÜV Südbaden auf dem Rollfeld des Black Forest Airport im Auftrag des Ministeriums für Verkehr und Infrastruktur, ließ berechtigte Zweifel aufkommen.

Schalldämpfer raus – und schon röhrt die Maschine

Getestet wurde der neue Messzyklus des Verfahrens ECE R41. Der Presserummel war groß. Fernsehen, Rundfunk, Printmedien – alle waren gekommen, um vor Ort das Heulen der Motoren zu erleben. Nicht nur die Medien waren neugierig. Unter den Zuschauern waren auch viele Motorradfreunde und die Polizei. Die wird bei Kontrollen gerne von den Bikern ausgetrickst, erklärt ein Streifenbeamter in Zivil. "Wir hören die Lärmüberschreitung deutlich, bei der Kontrolle ist dann alles im grünen Bereich." Wie das geht?
"Schweizer Motorradfreunde lachen nur über den deutschen Bußgeldkatalog." Polizist

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Ganz einfach auf Knopfdruck. Seit etwa 2009 werden Auspuffanlagen nahezu aller größeren Motorräder mit elektronischer Klappensteuerung ausgestattet. Eigentlich dient das der Abgasreduzierung und Leistungssteigerung. Allerdings: Die offene Klappe im Auspuff macht die Maschine auch um ein Vielfaches lauter. Bei einer Kontrolle kann der Biker sie per Knopfdruck verschließen. "Den zu finden, ist für Polizisten kaum möglich", verrät der Motorradfreund.

Dazu kommt: Das Geschäft mit Nachrüstanlagen für Abgassysteme boomt. Auf Messen und im Internet preisen Hersteller ihre Systeme an. Das liest sich dann so: "lautstärketechnisch richtig Druck auf dem Kessel" oder "Monster und Streetfighter-Auspuffsysteme mit kernigem Sound". Daneben findet sich im Kleingedruckten der Hinweis auf leicht entfernbare "dB-Killer" – die Möglichkeit also, die Maschine durch Entnahme der Schalldämpfer lauter zu machen. "Wer dabei erwischt wird, verliert seine Betriebserlaubnis, berappt 90 Euro und muss mit der Maschine mit altem Auspuff wieder zum TÜV oder der DEKRA", fügt der Polizist hinzu. Und der Motorradfreak?

Der lacht sich ins Fäustchen. Nach der alten 18-Punkte-Regelung gab’s zusätzlich drei Punkte in Flensburg. "Das hatte abschreckende Wirkung und war bitter", gesteht ein Mann in Motorradkluft. Dem Polizeibeamten entgeht das nicht. Resigniert fügt er hinzu: "Schweizer Motorradfreunde lachen nur über den deutschen Bußgeldkatalog." Mit ihren Boliden freuen sie sich über angesagte Rennstrecken wie die Schwarzwaldhochstraße und den Schauinsland. "Wer heulende Motoren hören will, muss an die Holzschlägermatte sitzen", sagt der Motorradfahrer.
"Die reformierten Messvorschriften bilden den realen Betrieb von Motorrädern nur unzureichend ab." Gisela Splett, Lärmschutzbeauftragte der Landesregierung


Zum Jahreswechsel treten neue EU-Regeln in Kraft, die den maximalen Geräuschpegel bei neuen Fahrzeugtypen auf 80 Dezibel begrenzen. Dass dies nicht ausreicht, bewies jetzt Gisela Splett bei der Demonstration nach ECE R41 auf dem Lahrer Flugplatz. Der Grund: Hersteller bieten parallel Zusatzausrüstung, die dafür sorgt, dass der Biker auf den gewünschten Lärm nicht verzichten muss. Die Lärmschutzbeauftragte der Landesregierung ist überzeugt: "Die reformierten Messvorschriften bilden den realen Betrieb von Motorrädern nur unzureichend ab." Der Grund: Erfasst werden nur ein Durchschnittswert und nicht etwa die Spitzenwerte beim Beschleunigen. 2012 hatte Baden-Württemberg, so Splett, erfolgreich einen Antrag im Bundesrat eingebracht. Die Bundesregierung sollte sich auf europäischer Ebene dafür einsetzen, strengere Regeln einzuführen, um den Motorenlärm zu minimieren.

Die Regelung ist noch nicht in Kraft – und schon muss nachgebessert werden

Auf europäischer Ebene konnte sich der Antrag aber nicht durchsetzen. "Wenn die neue Regelung in Kraft tritt, wird es lange dauern, bis diese wieder reformiert werden kann", so Splett. Dies aber sei dringend geboten, sagt die Lärmschutzbeauftragte. Harry Ketterer und Mathias Männle vom TÜV Südbaden demonstrierten warum. Während sich Ketterer 16 Mal in den Sattel schwingt und das schwarze Schaf mimt, misst Männle den Lärm. Beide wissen, dass auch im schlimmsten Fall ("80 Kilometer die Stunde im zweiten Gang bei voller Beschleunigung und verlängerter Messstrecke"), der Grenzwert nicht überschritten wird. "Das Thema ist nicht über Nacht zu erledigen", ist das knappe Fazit von Marcellus Knaup vom TÜV Südbaden.

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Autor: Bettina Schaller