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12. April 2016

Wo das Mittelalter nicht finster ist

Die historische Gruppe "Ridewanz" ist im Ichenheimer Löwensaal mit fröhlichen Tanz- und Saufliedern angetreten.

  1. Die historische Gruppe „Ridewanz“ musiziert vor vollem Saal. Foto: Wolfgang Künstle

NEURIED-ICHENHEIM. Im Rahmen der Feiern zum 950-jährigen Bestehen hat die historische Gruppe "Ridewanz" die Bevölkerung bei freiem Eintritt zu einer musikalischen Zeitreise in den Löwensaal eingeladen. Viele einheimische und auswärtige Gäste waren dieser Einladung gefolgt und ließen sich auch auf das Experiment eines mittelalterlichen Reihentanzes ein.

Um den zweiten Teil des Konzerts gleich vorwegzunehmen: Ichenheimer wie Zugereiste haben an diesem Freitagabend unter Beweis gestellt, dass sie nicht nur aufmerksame Zuhörer sind, sondern auch dazu bereit, sich ohne langes Zögern von den Plätzen zu erheben, um sich dem fröhlichen mittelalterlichen Reigen anzuschließen. Als Tanzlehrer fungierte dabei Günter Bläsi, der zuvor bereits im munteren Plauderton das Spiel seiner Gruppe "Ridewanz" kommentierte und nebenbei interessante historische Details lieferte. Damit wären wir schon beim ersten Teil der Veranstaltung, der das äußerst konzentriert lauschende Publikum nicht weniger faszinierte. Was Dagmar und Günter Bläsi, Gerry Schnebel, Karin Nachtigall und Martin Bilger, die seit fast 20 Jahren als mittelalterliche Spielleute unter dem Namen "Ridewanz" unterwegs sind, boten, war äußerst lebendig und anschaulich.

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Gelungen ist dem auch optisch sehr ansprechenden Quintett nämlich das Kunststück, nicht nur Musik aus verschiedenen Epochen in professioneller Qualität darzubieten, sondern auf lockere, unterhaltsame Weise die zugehörigen Informationen zur Entwicklung der Musikgeschichte ebenso wie die wichtigsten Fakten zur regionalen- und zur Weltgeschichte zu liefern. Interessant war auch das Instrumentarium, das die beiden mittelalterlich gekleideten Damen und ihre drei ebenso stilgerecht gewandeten Mitspieler in rascher Folge abwechselnd bedienten. Angefangen mit einem riesigen Blasrohr, das wie eine Kreuzung zwischen Alphorn und Didgeridoo wirkt, über diverse Trommeln, Flöten und Saiteninstrumente bis hin zu den verschiedenen Sackpfeifen, die allgemein unter der Bezeichnung Dudelsack zusammengefasst werden. Den musikalischen Einstieg machte die Gruppe mit einem fröhlichen Tanzlied aus der Zeit um das Jahr 1200, einem Marienlied aus der ältesten Liedersammlung aus Santiago de Compostella und einem frechen Sauflied, das sie nicht in der Originalsprache Latein vortrug, sondern in Ichenheimer Dialekt.

Immer wieder ein Stück Lokalkolorit

Schon bei diesen Stücken wurde deutlich, dass das Mittelalter den Beinamen "finster" nicht verdient. Erzählt wurde von der ersten Pestepidemie, die sich ab 1350 von Asien her ausbreitete und schließlich auch die Region am Oberrhein erreichte, von jungen Adligen, die den Beginn der Renaissance einläuteten mit ihren schriftlich festgehaltenen Kompositionen, vom Entstehen der heute bekannten Notenschrift, aber auch von den Wirrnissen des 30-jährigen Krieges und dessen Auswirkungen, dem anschließenden Wiederaufbau, dem später florierenden Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, den Goldwäschern und schließlich der Badischen Revolution, an der auch Männer aus Ichenheim beteiligt waren.

Jeder zeitgeschichtlichen Station fügte Günter Bläsi in seinen Ansagen somit ein Stück Lokalkolorit bei und sorgte damit für Heiterkeit und das Gefühl, einen stimmigen, runden Abend erlebt zu haben.

Autor: Ulrike Le Bras