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16. April 2010 10:24 Uhr
Personalabbau
70 Stellen fallen weg: Frust und Ärger bei H.C. Starck
Investitionen in den Standort Laufenburg? Nein. Stattdessen: Abbau von 70 Arbeitsplätzen. Das Unternehmen H. C. Starck befördert mit neuen Einschnitten Frust und Ängste bei der Belegschaft.
LAUFENBURG. Mit einer Mischung aus "Enttäuschung, Frustration, Resignation und auch Wut", so das Empfinden des Betriebsratsvorsitzenden Andreas Becker, hat die Belegschaft von H. C. Starck in Laufenburg gestern Mittag in einer außerordentlichen Betriebsversammlung aus dem Mund von Geschäftsführer Axel Westerhaus die Kunde von neuerlichen "Anpassungsmaßnahmen" vernommen. Von einem – befürchteten – Verkauf der Halle Süd indes ist einstweilen nicht die Rede.
"Veränderte Markt- und Wettbewerbsverhältnisse für die am Standort Laufenburg erzeugten Produkte erfordern umfangreiche Maßnahmen zur Kostensenkung und Produktivitätsverbesserung": So formuliert die Unternehmensleitung in Goslar in einer Pressemitteilung, was Geschäftsführer Westerhaus auch den Mitarbeitern zu erklären versuchte. Die 70 – von noch 330 – Stellen sollen wohl bis zum Jahresende abgebaut werden. Die Geschäftsführung wolle "gemeinsam mit dem Betriebsrat versuchen, eine sozialverträgliche Lösung zu erarbeiten".Werbung
Zweierlei wird konkret angekündigt. Erstens: Im Werksteil Rhina werde "die Verarbeitung der für die Halle Süd noch vorhandenen Rohstoffe zeitlich gestreckt, um einen gleitenden Übergang auf alternative Recyclingrohstoffe zu ermöglichen". "Entsprechende Projekte" seien "in Abarbeitung" und würden "voraussichtlich im Jahr 2011 in die Produktion umgesetzt". Zweitens: Im Werksteil Enag wird die Produktion von Wolframschmelzcarbid (WSC) "nach Inbetriebnahme der neuen Anlage in Kanada und insbesondere unter dem Kostendruck von Billiganbietern aus China mit Jahresende nicht mehr zur Gänze ausgelastet sein". Die Personalstärke müsse "an diese Gegebenheiten angepasst werden". Darüber hinaus seien "auch in anderen Produktionsbereichen und in der Verwaltung … Maßnahmen zur Reduzierung der Komplexität sowie Verbesserungen in den Kostenstrukturen erforderlich, um dem hohen internationalen Wettbewerbsdruck standzuhalten".
Noch nicht klar ist, wo genau welche Stellen wegfallen sollen. In der WSC-Produktion mit derzeit 30 Mitarbeitern könnten zwei Drittel gefährdet sein. Die Halle Süd mit rund 70 Leuten dürfte ebenfalls betroffen sein. Immerhin, so Becker, sei die Geschäftsleitung der Arbeitnehmervertretung, die ein Konzept für eine zukunftsfähige Ausrichtung des Standorts vorgelegt habe, in dem Punkt gefolgt, dass die Halle Süd "ein wichtiges Glied der Produktionskette" und damit unverzichtbar sei.
Sonst jedoch könne der Betriebsrat keine "grundsätzlich positiven Signale" erkennen – etwa in Form einer Zusage unerlässlicher Investitionen. Ein Beispiel: "Auch bei den in Laufenburg hergestellten Spritzpulvern gehört H. C. Starck zu den weltweit führenden Unternehmen", steht in der Pressemitteilung aus Goslar zu lesen – verbunden mit der Botschaft: "Die Spritzpulverproduktion der H.-C.-Starck-Gruppe wird auch künftig in Laufenburg konzentriert." Statt aber in Anlage und Personal zu investieren, um den Standort zu stärken, werde Personal abgebaut, so Becker auf Anfrage der BZ.
Gewerkschaftssekretär Oliver Hecker
Für Hecker sind Kundgebungen und Demonstrationen, wie es sie nicht ohne Wirkung Ende 2008 gegeben hatte, "je nach dem, wie es läuft", auch diesmal "Instrumente, die wir nicht ausschließen", zumal da bei H. C. Starck die Belegschaft "hinter uns" stehe und "mobilisierungsfähig" sei. Mit Blick auf die Standortsicherungsvereinbarung von Ende 2008 sei juristisch zu prüfen, ob Ausnahmetatbestände eingetreten sind, die betriebsbedingte Kündigungen rechtfertigen. Ethisch sei dies in keinem Fall vereinbar: "Die Leute haben Geld hergegeben für einen sicheren Arbeitsplatz. Das Unternehmen hat von den Arbeitnehmern einen Kredit bekommen."
Seit Anfang 2007 gehört H. C. Starck Advent International und Carlyle Group. Die beiden Finanzinvestoren hatten den Produzenten von Metall- und Keramikpulvern, Spezialchemikalien sowie Bauteilen aus Ingenieurkeramik und Refraktärmetallen mit Sitz in Goslar und Niederlassung in Laufenburg für 1,2 Milliarden Euro vom Bayer-Konzern übernommen.
Autor: Winfried Dietsche
