Eine Vision für 960 Millionen Franken

Hrvoje Miloslavic

Von Hrvoje Miloslavic

Do, 21. September 2017

Laufenburg

BZ-SERIE WASSER-FÄLLE (5): Ein Verein mit Sitz in Laufenburg/Schweiz kämpft um die "Weiterführung der Rheinschifffahrt".

LAUFENBURG / BAD SÄCKINGEN. A 98, Elektrifizierung der Bahn, Lärmbelastung durch den Flughafen Kloten – an verkehrs- und infrastrukturpolitischen Themen mangelt es in der Hochrheinregion keineswegs. Doch die politischen Kämpfe werden nicht nur zu Lande und in der Luft, sondern auch zu Wasser ausgefochten. Entschiedener Verfechter einer "Weiterführung der Rheinschifffahrt" ist ein gleichnamiger, in Laufenburg/Schweiz beheimateter Verein (VWR), der seit mehr als 40 Jahren gegen den Strom von Politik und Umweltschutz anschwimmen muss.

"Häsch dis Dampfschiffli scho kchauft?" Die Sticheleien mancher Aargauer Kantonalratsmitglieder nehme er inzwischen gelassen, versichert der VWR-Präsident René Leuenberger sen. im Gespräch mit der Badischen Zeitung. Dass Forderungen nach einer Wiederbelebung der Binnenschifffahrt auf dem Hochrhein bei politischen Vertretern des eidgenössischen Bundes wie auch des Kantons auf wenig Gegenliebe stoßen, weiß der 66-jährige Unternehmer aus dem Schweizer Laufenburg sehr gut.

Vorbei sind die Zeiten, als etwa im Staatsvertrag von 1926 zwischen dem Deutschen Reich und der Schweiz die Vereinbarung getroffen wurde, "sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben, die Schiffbarmachung zwischen Basel und Bodensee in Angriff zu nehmen". Längst haben Straße und Schiene die einst in der Industrialisierung nachhinkende Ostschweiz an die wirtschaftliche Entwicklung angekoppelt und die Bedeutung Basels als "Tor zur Welt" relativiert. Die Lobby der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), besonders aber die zu erwartenden Proteste von Umwelt- und Naturschutzverbänden tun ein Übriges, wie Leuenberger weiß. Aufgeben will der 40 Mitglieder zählende Verein jedoch nicht. An einer großen ökonomischen und verkehrsinfrastrukturellen Aufwertung der Hochrheinregion durch die Schifffahrt hat Leuenberger keinen Zweifel. Er erwartet in erster Linie eine erhebliche Entlastung des "Verkehrschaos" auf der Autobahn 3, von dem ihm seine eigenen Fahrer täglich berichten. Überzeugt ist Leuenberger auch von einer "wesentlich verlässlicheren Transportlogistik" der Schifffahrt gegenüber dem Transport auf Straße und Schiene. Weil per Schiff enorme Mengen transportiert werden könnten, ließe der Warenverkehr auf dem Rhein eine Senkung von Kosten erwarten. Bei entsprechender Planung der Transportlogistik würden gerade mittelständische Unternehmen davon sehr profitieren.

Den Traum von der Binnenschifffahrt bis zum Bodensee hat der VWR zwar längst aufgegeben. Große Erwartungen legt Leuenberger jedoch in den Bau eines Rheinhafens in Rekingen im Bezirk Zurzach. Für die Ost- und Zentralschweiz bestimmte Waren könnten auf Schiene und Straße umgeladen werden. Als günstig würde sich laut Leuenberger Rekingens geografische Lage für die Versorgung des Flughafens Kloten per Pipeline erweisen.

Nicht gerade zur Stärkung der Position der Binnenschifffahrtsbefürworter sorgte allerdings eine von SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht im Herbst 2014 in Auftrag gegebene Studie, die die Rentabilität des Güterverkehrs auf dem Rhein untersuchen sollte. Das Gutachten der Fachhochschule Nordwestschweiz kam zu dem eindeutigen Urteil, dass die Kosten für ein solches Projekt weitaus höher wären als der Nutzen. Zu meistern hätte die Schiffbarmachung des Hochrheins neben Widerständen von Seiten der Politik sowie Umwelt- und Naturschutzverbänden auch so manches technische Hindernis.

Der Bau von Kraftwerkschleusen in Rhyburg, Bad Säckingen, Laufenburg und Albbruck-Dogern, die Anlage von Umgehungskanälen, Felssprengungen, die Ausbaggerung geeigneter Wassertiefen, die Anhebung der historischen Holzbrücke in Bad Säckingen sowie Abriss und Neubau der Brücke in Rheinfelden lassen eine gepfefferte Rechnung von 960 Millionen Schweizer Franken erwarten. Allein die Kosten für den Bau des Rheinhafens in Rekingen beziffert das Gutachten auf 225 Millionen Franken. Die Einsparungen würden sich gemäß der Studie im besten Fall auf 370 Millionen belaufen. "Eine Schiffbarmachung bis Rekingen lohnt sich aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht", stellt die Fachhochschule nüchtern fest. Zur Entlastung der angespannten Verkehrssituation im Raum Basel sowie des Basler Hafens empfiehlt die Studie den Bau eines Hafens in der Region Rheinfelden-Kaiseraugst.

Leuenberger zeigt sich skeptisch. Die fachliche Qualifikation und Tüchtigkeit des Gutachterkreises will er keineswegs bezweifeln. Als Unternehmer, der jeden Tag mit den ökonomischen und infrastrukturellen Problemen in der Region zu kämpfen habe, wittert Leuenberger jedoch eine gewisse "Distanz zur Materie". Besonders schwer tut sich Leuenberger damit, die Argumente von Umweltschützern gelten zu lassen. Für Gegner der Rheinschifffahrt, die immer wieder den Naturschutz ins Spiel bringen, habe er als gute Antwort immer eine Frage parat, sagt Leuenberger: "Wenn bisch au du zum letschte mol unte am Rhi gsi?"