Speerwerfer im Dienste des Vaterlandes

Uwe Schwerer

Von Uwe Schwerer

Do, 11. Mai 2017

Leichtathletik

Bundestrainer Boris Obergföll ist Deutschlands ranghöchster Sportsoldat – und genießt nach dem Karriereende seiner bekannten Frau das ganz normale Familienchaos.

OFFENBURG. Dem militärischen Standard entspricht diese Vorstellung von Pünktlichkeit ganz gewiss nicht: Oberstabsfeldwebel Boris Obergföll kommt 15 Minuten zu spät zum Treffpunkt an der Rüdiger-Hurrle-Leichtathletikhalle. Er lacht und breitet entschuldigend die Arme aus, nachdem er seinen muskulösen Körper aus dem Autositz geschält hat: "Unser Sohn hat gerade noch eine Kiste Apfelsaft abgeräumt. Zu Hause war Chaos."

Boris Obergföll, Bundestrainer der deutschen Speerwerfer und Berufssoldat bei der Bundeswehr-Sportfördergruppe Mainz, steckt wieder mittendrin im Alltag: Am Tag zuvor war er von einem zweiwöchigen Lehrgang mit den besten deutschen Speerwerfern aus Südafrika zurückgekehrt. In einer Stunde kommt sein Schützling Markus Koch zum Training. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. Denn das Leben hat sich im Hause Obergföll verändert. Schließlich hat seine Frau Christina, Speerwurf-Weltmeisterin und zweifache Olympia-Medaillen-Gewinnerin, im September 2016 mit einem Sieg beim ISTAF in Berlin ihre große Karriere beendet. Sie erwartet das zweite Kind und hat nun mehr Zeit für die Familie.

"Der ständige Organisations- und Trainingsdruck ist jetzt weg", sagt Boris Obergföll. Er spricht über Trainingslager, in denen Sohn Marlon krank wurde, über schlaflose Nächte der Mutter, die sich eigentlich ganz auf ihre eigene sportliche Entwicklung hätte konzentrieren müssen. Und das schwierige Comeback seiner Frau nach der Schwangerschaft. "Die Belastung war extrem hoch für uns beide."

Der Höhepunkt der nervlichen Anspannung für Familie Obergföll war die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio, daran lässt er keinen Zweifel. Lange musste die Werferin der LG Offenburg, die bei der Deutschen Meisterschaft nur Vierte geworden war, um ihre Teilnahme zittern. Schließlich sollten die Spiele von Rio den würdigen Abschluss ihrer Karriere bilden. Als die Entscheidung zu ihren Gunsten gefallen war, ging die Konkurrentin Katharina Molitor, die zu Hause bleiben musste, auf die Barrikaden, allerdings vergeblich. "Diese Unsicherheit. Dieser Stress. Man läuft auf der Felge. Das brauche ich nicht mehr in meinem Leben. Das war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Aber das ist jetzt abgeschlossen" stellt Boris Obergföll aufgeräumt fest und blinzelt in die Sonne. "Für mich ist es jetzt super entspannend zu Hause, ich kann mich ganz aufs Training mit den anderen Athleten konzentrieren."

An diesem Punkt schüttelt seine Frau energisch den Kopf. Sie ist inzwischen mit Söhnchen Marlon und Baja, dem ungarischen Jagdhund, am Rasen bei der Halle aufgetaucht. Sie spielen in der Nachmittagssonne mit einem Tennisball. "Die Hektik ist nicht weniger geworden", sagt sie lachend. "Zu Hause geht es noch genauso stressig zu wie vorher. Er will ja auch mit dem Johannes erfolgreich sein." Gemeint ist sein Schützling Johannes Vetter, ein gebürtiger Dresdener, der mittlerweile in der Ortenau lebt. Boris Obergföll erklärt: "Die Belastung im Wettkampf ist gleich, aber die Art und Weise, wie man sich Gedanken macht, ist anders, viel emotionaler. Man schläft auf andere Weise schlecht, wenn es um die eigene Freundin oder Frau geht."

Ständige Nachrichten über Doping-Nachtests und enttarnte Betrüger lassen die Obergfölls selbstredend nicht kalt. Zumal die Speerwerferin direkt davon betroffen war und ist. Maria Abakumova aus Russland bekam die Silbermedaille der Olympischen Spiele 2008 von Peking aberkannt, weil sie im Herbst 2016 nachträglich des Dopings überführt worden war. Christina Obergföll, die damals Dritte geworden war, rückte einen Rang nach vorne. Jetzt wartet sie darauf, die silberne Medaille zu bekommen, die bronzene muss sie dann zurückgeben. "Der Vorgang ist am Laufen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl", räumt sie ein.

Wie damit umgehen? "Ändern kann man nichts mehr", stellt Boris Obergföll achselzuckend fest. "Das ist ein Problem des Systems. Der Weltverband hat Vieles gedeckt. Es fehlt am politischen Willen, ein weltweit funktionierendes Kontrollsystem zu etablieren. Viele Nationen machen da nicht mit." Boris Obergföll kommt nun in Fahrt. "Darunter leidet die Glaubwürdigkeit des Sports. Wenn der Johannes morgen 91 Meter wirft, heißt es, der ist doch gedopt. Wir können nur versuchen, unseren Sport sauber auszuüben. Wir können jeden Morgen in den Spiegel gucken und sagen: Ich war mein ganzes Leben lang sauber. Aber das können nicht viele von sich sagen." Der gebürtige Saarländer Boris Obergföll hatte unter seinem Geburtsnamen Boris Henry selbst große Erfolge mit dem Speer gefeiert: Zwei Mal holte er WM-Bronze, einmal EM-Bronze, zudem sechs deutsche Meistertitel. Nachdem er sich bei den Olympischen Spielen 2004 eine schwere Schulterverletzung zugezogen hatte, beendete er seine Sportlerlaufbahn. Bei der Hochzeit im September 2013 nahm er den Namen seiner Frau an, nachdem diese in Moskau zuvor Weltmeisterin geworden war.

Auch wenn das Thema Doping immer noch ein großes Erregungspotenzial bietet, blickt Boris Obergföll entspannt auf sein Leben. Er ist nicht nur Speerwurf-Bundestrainer der Männer, sondern seit 1. Januar auch Speerwurf-Teamleiter für Männer und Frauen, was vor allem organisatorisch neue Aufgaben bringt, aber auch von der Anerkennung seiner Arbeit durch den Deutschen Leichtathletikverband zeugt. Dies trägt ebenso wie sein Status als Berufssoldat zur inneren Ruhe bei. Der 43-Jährige, ranghöchster Sportsoldat Deutschlands, genießt dadurch eine gewisse materielle Sicherheit. Wenn sich nichts ändert, geht er mit 56 Jahren in Pension. Doch das ist ein entfernter Gedanke. Gerade ist Markus Koch gekommen, ein 23-jähriger Oberliga-Handballer des TV Sandweier, der sein Talent für und seine Liebe zum Speerwurf entdeckt hat. "70 Meter hat der schon geworfen", sagt der Trainer. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen für Boris Obergföll.

Am Samstag steht das 1. Speerwurf-Meeting in Offenburg an. LGO-Sportwart Werner Daniels freut sich über ein Teilnehmerfeld, das er "Diamond-League-verdächtig" nennt. Bei den Männern (ab 15.30 Uhr) stehen Olympiasieger Thomas Röhler und der in Offenburg trainierende Johannes Vetter im Blickpunkt des Interesses. Das Feld der Frauen (ab 14 Uhr) wird von Weltmeisterin Katharina Molitor und der deutschen Meisterin Christin Hussong angeführt.

 

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