Der innere Kompass

Hartmut Buchholz

Von Hartmut Buchholz

Di, 12. Oktober 2010

Literatur

Andreas Kirchgäßners Roman " Anazarah – Abenteuer in der Wüste" bietet mehr als Spannung.

"Eine Lektion Wüstenkunde" bietet die 14-jährige Sarah bei ihrer Rückkehr ihren Kassenkameraden an, die ihr helfen wollen, den versäumten Unterrichtsstoff nachzuholen. Sie hat viel gelernt in den langen Wochen ihrer Abwesenheit, "mehr als in manchem Schuljahr zuvor": Wie man sich in der Wüste orientiert, wie man Rastplätze und Wasserstellen findet, wie man Feuer macht und Kamele tränkt und vor allem: Wie man sich selbst begegnet und eine existenzielle Einsamkeit aushält in der Wüste, in jenem Extrem an Landschaft, das wie kein anderes unsere geläufigen Wahrnehmungen von Raum und Zeit außer Kraft setzt.

Andreas Kirchgäßners Roman "Anazarah" ist im Untertitel als "Abenteuer in der Wüste" ausgewiesen – und eine echte Abenteuergeschichte liegt auch vor: ein Drama um Unglück und Rettung, Intrige und Treue, um eine vermeintliche Entführung und veruntreutes Lösegeld. Von Marrakesch ist Sarah mit ihrer Mutter und deren neuem Freund Thomas per Landrover in den Südosten Marokkos aufgebrochen, zunächst in die Oasenregionen des Draa-Tals, dann in die von Dünenkämmen und Felsplateaus geprägten Wüstengebiete nahe der marokkanisch-algerischen Grenze. Als ein Sandsturm aufzieht, suchen sie in einem ausgetrockneten Flussbett Schutz, nach einem Wolkenbruch verwandelt sich das Wadi rasend schnell in einen reißenden Fluss – Sarah wird mitgerissen und auf der algerischen Seite an Land gespült.

Kirchgäßner, der vielgereiste Afrikakenner aus Merdingen, hat eine kluge, ungemein effektsicher arrangierte Erzählkomposition vorgelegt, in der eine souveräne Balance aus beschreibend-reflexiven Partien und dramatischen Momenten vorherrscht, mit Rückblenden und Überraschungsmomenten. Die Erfahrungen, die sich der Autor als Drehbuchschreiber erarbeitet hat, sind als kreatives Potenzial ahnbar: in Dialogführung und Figurenzeichnung ebenso wie in der Anlage des Plot und einer wohldosierten lakonischen Komik. Erst vom Finale her zeigt sich die Raffinesse, mit der bestimmte Requisiten – ein Anorak, eine Sandale, eine Kassette in einem Walkman – thrillergleich zu Elementen der erzählerischen Logik aufgebaut werden.

Unter der Oberfläche der Handlung, in Exkursen und Episoden, erfährt ein junger Leser eine Menge über die Labyrinthe der arabischen Medina, über die Tradition des Ramadan, über Tischsitten und Teezeremonie und die Kultur des arabischen Badehauses. In dem Beduinenjungen Abderrahmane findet Sarah ihren Retter, der sie instinktsicher durch die Wüste führt. Im Wahn, einem Entführer auf der Spur zu sein, verfolgt algerisches Militär Abderrahmane und Sarah – die beiden müssen sich trennen und Sarah wird erkennen, dass ihr neu erworbenes "Wüstenwissen" ihr Leben retten kann. "Du bist so … groß geworden": Sarahs Mutter ist fassungslos, als sie ihre Tochter nach langen Wochen wiedersieht.

"Anazarah" ist ein bewegendes, in Momenten anrührendes "Abenteuer in der Wüste": auch eine Erzählung über jene "innere Landschaft", die, hat man sie erst einmal gefunden und sich in ihr verloren, den persönlichen Kurs weisen kann. Sarah jedenfalls hat in der Wüste, in ihrer Wüste einen inneren Kompass gefunden.
– Andreas Kirchgäßner: Anazarah – Abenteuer in der Wüste. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2010. 166 Seiten, 9,90 Euro. Ab 12.
– Der Autor stellt sein Buch am 23. Oktober um 18 Uhr in der Neutor-Buchhandlung in Breisach und am 12. November um 19 Uhr im Haus am Stockbrunnen in Merdingen vor.