Autobiographie

Helga M. Novaks "Im Schwanenhals": Die Freiheit der Jagdgöttin

Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber

Sa, 11. Januar 2014

Literatur

Helga M. Novaks autobiographischer Roman "Im Schwanenhals" wurde zu ihrem Vermächtnis.

Unverdrossen zog sie den "Klumpen Hoffnung" hinter sich her. Egal, wo sich Helga M. Novak aufhielt, ob erwünscht oder unerwünscht in der DDR, die sie als erste Schriftstellerin ausbürgerte, ob in der Hausbesetzerszene des Frankfurter Westends, ob in Island, Sizilien oder in polnischen Wäldern: Ihr lakonischer Optimismus verließ sie nie. Er wahrte die Balance zu den autobiographischen Bitterstoffen in ihrem Werk. Dieses kann als schroffe poetische Heimatkunde und unversöhnlicher Rechenschaftsbericht sich selbst gegenüber verstanden werden. An Heiligabend ist Helga M. Novak nach langer Krankheit in Rüdersdorf bei Berlin gestorben (BZ vom 27. Dezember). Wie kam es dazu, dass eine der bedeutendsten deutschen Poetinnen zeitlebens eine kräftezehrende Existenz als fernwehkranke fahrende Sängerin führte? Warum kehrte sie trotz schlimmer Erfahrungen zweimal in die DDR zurück? Das Buch "Im Schwanenhals", das in Zusammenarbeit mit der Publizistin Rita Jorek entstand und nun zum Vermächtnis wurde, macht ihre Beweggründe plausibler.

Lang war der Abschluss von Helga M. Novaks autobiographischer Trilogie erwartet worden. In "Die Eisheiligen" (1979) setzte sich die 1935 in Köpenick geborene Autorin mit ihrer Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit auseinander sowie mit den Adoptiveltern Karl und "Kaltesophie". Mit drei Tagen wurde sie von ihrer Mutter in ein Kinderheim weggegeben. Ihr Vater nahm sich 1937 das Leben. In dem Gedicht "keine Mutter nährte mich" heißt es: "Heimat und Landstrich längst verloren / ganz ohne Vater immer schon / der sprengte seinen Kopf beizeiten / mit einem Schuss so bin ich frank und frei". Das steht leitmotivisch für ihre Wahrhaftigkeit und gelebte weibliche Autonomie.

Für ein Jahr

in die Produktion

Die erschütternden Verlusterfahrungen der Kindheit dürften dazu beigetragen haben, dass Helga M. Novak die frühe DDR als ihre Ersatzfamilie betrachtete, wie sie es in "Vogel federlos" von 1982 beschreibt. "Im Schwanenhals" ist genau fünfzig Jahre nach Novaks erstem Lyrikband mit dem programmatischen Titel "ostdeutsch" erschienen. Sie publizierte ihn 1963 im Selbstverlag in Reykjavik. Ins Land der Geysire war sie 1957 geraten. Die Studentin am Leipziger "Roten Kloster", der journalistischen Kaderschmiede der DDR, sollte isländische Gaststudenten für die Stasi ausspionieren, was sie diesen sofort schockiert berichtete. Monate zuvor hatte sie leichtfertig eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Die Verbindungsleute der Stasi gingen bei den angehenden Elitejournalisten ein und aus. Daran erinnert sich auch Novaks Kommilitonin Brigitte Klump. 1976 veröffentlichte sie den aufsehenerregenden Tatsachenbericht "Das Rote Kloster. Eine deutsche Erziehung", aus dem Novak zitiert. Die Hauptversammlung der FDJ am 11. November 1957, ein Kulminationspunkt des Buchs, tagte makabererweise in einem Hörsaal der Pathologie. Sie beschloss, dass eine sogenannte Erziehung der Studentinnen Novak und Klump nötig sei, da sie sich der gesellschaftlichen Arbeit entzogen hätten. Sie sollten sich ein Jahr lang in der Produktion bewähren. Helga M. Novak hörte noch, wie einige derer, die sie für ihre Freunde hielt, mitgrölten, sie sollten unbefristet in die Produktion. Dann begann sich alles um sie herum zu drehen. Kurz darauf flüchtete sie mit einem isländischen Kommilitonen in dessen Heimat.

Nur vier Monate später kehrte sie schwanger nach Ost-Berlin zurück, mit Sondergenehmigung des DDR-Außenministeriums. Nun war sie offenbar zu jener Selbstkritik bereit, die sie vor dem FDJ-Plenum verweigert hatte. Die Behörden erlauben ihr, als Bandarbeiterin in einer Fabrik für Funk- und Fernsehtechnik anzufangen. Berlin durfte sie nicht verlassen. Dann kontaktierte die Stasi sie erneut – sie sollte die Laborleiterin aushorchen. Daraufhin kehrte sie mit einem anderen isländischen Studienfreund dem Kontinent den Rücken. In Island heirateten sie. Sie bekam ein zweites Kind, das sie wiederum bei Pflegeeltern unterbrachte – und salzte saisonweise Heringe ein. In ihrer Lyrik dominieren schroffe Eindrücke aus isländischen Konservenfabriken und anderen martialischen Arbeitswelten, Verhöre in ostdeutschen Amtsstuben und die spröde Mark Brandenburg, die Pegasus für seine Traumtänze mit Klumpfüßen bestraft, wie es im Gedicht "Wo der Windbruch verrottet" heißt: Novaks erzählende Lyrik erfüllt in ihrer artistischen Redlichkeit eine Forderung von Peter Waterhouse nach der Selbstüberprüfung des Gedichts: Steht es noch in einem Verhältnis zur Wirklichkeit?

Mit einem dritten Isländer, einem Bohémien und Dichter, fuhr sie nach Sizilien; die Reise endete in bitterster Armut. Doch dann erschien ihr Gedichtband "ostdeutsch" unter dem Titel "Die Ballade von der reisenden Anna" bei Luchterhand in Neuwied. In der Lyrikerin Elisabeth Borchers fand sie eine ideale Lektorin. Trotzdem zog sie das Heimweh erneut in die DDR zurück: 1965 immatrikulierte sie sich am Literaturinstitut Johannes-R.-Becher in Leipzig – und freundete sich mit dem Regimekritiker Robert Havemann an. Sie wurde zum zweiten Mal exmatrikuliert, erhielt ein Ausreisevisum und durfte die DDR nicht mehr betreten, bis zum November 1989. Das Land ihrer Herkunft hatte sich endgültig als Schwanenhals entpuppt. So werden in der Jägersprache jene Fangeisen genannt, aus denen sich die Tiere lebend nicht befreien können.

"Wie Abreise und Heimkehr überleben und deren Wiederholbarkeit?" heißt es im Prosaband "Aufenthalt in einem irren Haus": Auf diese Frage fand Helga M. Novak zeitlebens keine Antwort. Nur den Bäumen war sie "treu wie ein Hund". In ihrem wunderbaren Buch "Silvatica" ist sie als Jagdgöttin Artemis zu erleben, als Meisterin einer herben Erotik: "hab keine sieben Jahre mehr / für eine neue Jungfernhaut / kann nicht mehr warten / komm her". Zuletzt wohnte sie in Erkner bei Berlin, wurde dort Ehrenbürgerin. Das ist nicht zuletzt dem Schöffling-Verlag zu verdanken, der ihr Werk hervorragend betreut, auch mit Anthologien, die von jüngeren Dichterkollegen wie Michael Lentz und Silke Scheuermann herausgegeben wurden. Direkt, unverstellt, widerständig – Helga M. Novaks Ton wird bleiben.

– Helga M. Novak: Im Schwanenhals. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2013. 352 Seiten, 21,95 Euro.