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10. Oktober 2009

Die Gewalt der Geschichte

In seinem erschütternden Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" versammelt Liao Yiwu Gespräche mit Opfern des kommunistischen Chinas / Von Thomas Steiner

  1. In China wird er verfolgt: Autor Liao Yiwu Foto: Verlag

  2. Wenn Politik brutal wird: Brennende Panzer im Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking Foto: dpa

Z ur Frankfurter Buchmesse darf er nicht kommen. Die chinesische Staatssicherheit hat Liao Yiwu die Ausreise untersagt. Verfolgt wird er von ihr seit zwanzig Jahren. Von 1990 bis ’94 warf sie ihn ins Gefängnis. Sein Verbrechen? Liao ist ein Autor, der die Traumata bearbeitet, welche der Kommunismus China beigefügt hat.

Geboren 1958, musste er miterleben, wie sein Vater, ein Lehrer, während Maos Kulturrevolution 1968 als Konterrevolutionär geächtet wurde, wie seine Eltern sich scheiden ließen, um die Kinder vor den Folgen zu schützen. In den 80er-Jahren veröffentlichte er in Literaturzeitschriften, wurde einer der bekanntesten Dichter seiner Generation. Im Frühjahr 1989 publizierte er zwei Langgedichte, in denen er den Maoismus als gelähmtes und krankes System zeichnete. Als im Juni des Jahres die Armee auf dem Tiananmen-Platz die Demokratiebewegung der Studenten blutig beendete, verfasste er ein weiteres langes Gedicht: "Massaker". Auf Kassetten verbreitete es sich in ganz China, Liao bekam dafür vier Jahre Haft. In denen er misshandelt wurde, zweimal versuchte, sich das Leben zu nehmen – und ein literarisches Projekt begann.

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"Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" ist die erweiterte deutsche Ausgabe des Buches "Gespräche mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft", das in China 2001 kurzfristig ein Bestseller war und dann verboten wurde. Es ist eine Sammlung von 29 Interviews oder besser: Gesprächen, die Liao mit Chinesen über ihr Leben, ihre Geschichte geführt hat.

Mit Mitinsassen im Gefängnis begann es: Der "Bauernkaiser" war ein Mann, der in drei Kreisen Chinas über ein eigenes "Reich" von ein paar Tausend Menschen geherrscht hatte, ehe man ihn festnahm. Es sind junge Prostituierte unter Liaos Gesprächspartnern und ein alter Mönch, ein Klomann und eine Anhängerin der Falun-Gong-Sekte, ein Straßensänger und ein Gelegenheitsarbeiter.

Die Liste legt nahe, das Buch für eine Soziologie des gegenwärtigen Chinas zu halten. Das ist es auch. Aber im wesentlichen geht es um die Vergangenheit: Das asiatische Riesenland hat mehr als sechs Jahrzehnte voller Gewalt hinter sich. Seine Geschichte seit der "Befreiung" 1948 durch die Kommunisten spiegelt sich hier als eine der sozialen Verwüstungen.

Da ist das Gespräch, das Liao 2005 mit der damals 84-jährigen Zang Meizhi führte. Sie war die Witwe eines Grundbesitzers, der während der Bodenreform der 50er-Jahre enteignet, in einer "Kritikversammlung" verurteilt und schließlich erschossen wurde. Ein Dutzend Verwandte verlor Zang Meizhi in dieser Zeit.

Auch sie selbst wurde zum Opfer: "Nachdem sie meinen Mann und meine Brüder umgebracht hatten, haben sie auch mich gegriffen und vierzig Tage und vierzig Nächte am Stück ,bekämpft’, wie das hieß. Immer die Hände auf den Rücken gebunden, nur zum Essen und zum Frischmachen wurde ich losgebunden. Weil sie mich nicht nach Hause ließen, hat mein zweijähriges Mädchen keine Milch bekommen und ist bei lebendigem Leibe verhungert."

Die kommunistische Bodenreform, welche die Agrargesellschaft gerecht hatte machen sollen, wurde zur Tragödie: Von 1959 bis 1962 starben 30 bis 40 Millionen Chinesen an Hunger. "In Dörfern Sichuans haben Volkskommunemitglieder über vierzig und fünfzig es flächendeckend mit Guanyin-Erde versucht, die vor Hunger wahnsinnigen Menschen versuchten, sich am Rande des Todes damit satt zu bekommen." So berichtet der ehemalige Arbeitsgruppenleiter Zheng Dajun dem Interviewer Liao. "Ein Batzen Lehm, ein Schluck Wasser, sie verdrehten die Augen und reckten die Hälse, die Bäuche wurden schwer und immer schwerer, bis am Ende der Hunger sich in Schmerzen verwandelte."

Es sind Berichte wie dieser, die Liao Yiwus Leser erschüttert zurücklassen. Genauso nimmt einen mit, wie nicht nur die Körper der Menschen unsäglich gequält wurden, sondern auch ihre Köpfe.

Der Musiker und Komponist Wang Xilin schildert, wie er während der "Kulturrevolution" der 60er-Jahre beschuldigt wurde, eine antikommunistische Verschwörung in seinem Orchester angezettelt zu haben. Auf der Vollversammlung der Kommunistischen Jugendliga las er unter Tränen zwei Stunden lang eine "Selbstkritik" vor. Doch umsonst, Umerziehungslager und Gehirnwäsche durch ständig neue Anklagen und immer wieder in Aussicht gestellte Vergebung folgen.

Jahrelang gedemütigt und misshandelt, konnte Wang Xilin seine Erlebnisse immerhin später dann in seinen Kompositionen verarbeiten. Es gibt einige Gespräche in "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser", in denen die Besserung der Verhältnisse aufscheint. Der buddhistische Mönch Deng Kuan, ist 2003, zum Zeitpunkt des Gesprächs, 103 Jahre alt. Er schildert wie sein Tempel in den Fengxi-Bergen von den kommunistischen Milizen verwüstet wurde. Aber auch, wie unter dem neuen Staatschef Deng Xiaoping die Ausübung der Religion anfangs der 80er-Jahre wieder möglich wurde, wie der Wiederaufbau des Alten Tempels voranschreitet.

In diesem und anderen Gesprächen wird Liaos Buch auch zur Kultur- und Glaubensgeschichte. Oder gar zur ethnographischen Reise in das, was die Kommunisten "feudalistischen Aberglauben" nennen. Fast unheimlich ist der Text "Die Totenrufer", in dem ein alter Mann berichtet, wie früher Leichen übers Land gebracht wurden. Nach buddhistischem Glauben musste man in der Heimaterde begraben werden. Wer in der Ferne starb, wurde, wenn die Verwandten wohlhabend genug waren, von Männern zurückgebracht, die sich den Toten auf den Leib banden, unter einem schwarzen Gewand verbargen und nächtens über die Straßen trugen.

In Texten wie diesem erweist sich Liao als Literat. Seine Gespräche gibt er nicht protokollarisch wieder, er hat sie bearbeitet und verdichtet, ihnen einen dramatischen Bogen gegeben. Immer wieder auch tritt er nicht nur als Fragender auf, sondern überhöht als Kommentator das Gesagte. Oder ergänzt es mit eigenen Erfahrungen, der Geschichte seiner eigenen Familie.

So ist "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" auch ein Selbstporträt des Autors. Seine Gesprächspartner interessieren ihn, weil ihn die unterdrückte Geschichte Chinas interessiert. Oder weil sie ihm begegnen. Das "Fräulein Hallo" trifft er in einer Diskobar, sie ist einer jener jungen Frauen, die im heutigen kapitalistischen China ihren Körper vermarkten. Und den Straßensänger Queyue lernt er kennen, als er aus dem Gefängnis kommt, seine Frau ihn verlassen und das Kind mitgenommen hat, und er seinen Lebensunterhalt verdient, indem er mit der Dongxiao-Flöte durch die Teehäuser seiner Heimatstadt Chengdu zieht und für die Gäste spielt. Immer wieder auf der Flucht vor den Staatsorganen, muss Liao Yiwu sich von Gelegenheitsarbeiten ernähren. Wovon er sich nicht hat brechen lassen. Einer seiner Gesprächspartner, ein Ausbrecherkönig, bescheinigt ihm, er sehe aus "wie ein etwas zu lässiger Mönch. Glatze, der Blick nicht von dieser Welt". Im Gegenteil, möchte man sich da einschalten ins Gespräch, Liao Yiwu richtet seinen Blick auf die Welt, er macht es möglich, dass auch seine Leser sich sein China genau ansehen können. Und mitleiden.

– Liao Yiwu: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2009. 540 Seiten, 22,95 Euro.

Autor: Thomas Steiner