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27. August 2013

Freiburger Autorin Simone Regina Adam

„Die Halbruhigen“: Gefangene sind sie alle

Der Roman "Die Halbruhigen" der Freiburger Autorin Simone Regina Adam.

  1. Simone Regina Adam Foto: müller

Es wird viel geraucht in diesem Roman, denn das Rauchen gehörte zu den Siebzigerjahren, denen man bei Simone Regina Adam selten nahe kommt. An diese halb verstaubte, halb zukunftsschwangere Dekade des gesellschaftlichen wie persönlichen Aufbruchs erinnert sich die Tochter eines Klinikchefs im Saarland, als sie den Ort ihrer Kindheit und frühen Jugend nach drei Jahrzehnten wieder betritt. Das einstige psychiatrische Landeskrankenhaus und das in den Komplex integrierte Elternhaus sind halb verfallen. Ein Hochsicherheitstrakt: die neue Forensik.

Ein seltsamer Ort für eine Kindheit, disponiert aber für einen Roman, den die in Freiburg lebende Autorin schon lange in sich trug. Ihre Ich-Erzählerin, der man gern länger gelauscht hätte, verschwindet alsbald hinter einer Vielzahl von Perspektiven. Jeder Figur, ob dem kleinen Bruder Tom, der Mutter Ada, dem Vater Christian oder – am eindrücklichsten! – drei Patienten, überlässt sie die eigene Sicht der Dinge. Ein behutsames, bewusst antihierarchisches Erzählen, das sich nicht zuletzt der eigenen Berufspraxis verdankt.

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Denn Simone Regina Adams ist vom Fach. Ihre Entscheidung, sich von ihrem Therapeuten-Beruf zu lösen, um sich der Literatur zu verschreiben, zeigt nicht geringen Mut, und die Tatsache, dass ihr Manuskript mit dem Werner-Bräuning-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, machte neugierig auf ihren zweiten Roman – schon ihr Erstling "Nashornvögel" erntete 2004 einiges Kritikerlob. Eine "große, großartige alte Dame" – so nennt Christian Neumann seine äußerlich adrette Klinik, an die er sein Leben bindet. Konsequenterweise werden die Baulichkeiten wie ein großer Körper beschrieben, der freilich an "Flatulenzen" leidet: veraltete Behandlungsmethoden, übergriffige Pfleger, mangelnde Betreuung. Professor Neumann, prinzipiell liberal und neuerungswillig (Kondomautomaten in der "Geschlossenen"), hat sein Quantum Idealismus im Klinikalltag weitgehend aufgebraucht und auch seine Ehe mit der an der sozialen Isolation leidenden Ada steht nicht zum Besten. Frustriert von der Hausfrau-und-Mutter-Rolle vertraut sie sich kurzfristig dem Altenheiminspekteur Hermann an, bald schon entsetzt von dieser mangelnden "Alternative".

Der Familienvater, ganz im Bann seiner "Alten Dame" ist desillusioniert. Die junge Beschäftigungstherapeutin, die, angefressen von den Ideen der "Antipsychiatrie"-Bewegung, einen Patienten zum Rauchen vor die Tür lässt, hat natürlich keine Ahnung, ebenso der Liedermacher, der nach einem kurzen Aufenthalt "drinnen", zu wissen glaubt, wie das "System" funktioniert und nun von "der wahren Freiheit" singt. Just auf seinem Konzert trifft der Klinikvater aber jene junge Patientin wieder, die sein Berufsethos ins Wanken bringt.

Gefangene sind sie alle: Insassen, Therapeuten, Familienmitglieder. Gefangene auch einer dunklen Vergangenheit, deren Spur – an einer Stelle allzu visionär beschworen – , allgegenwärtig ist: Ein Patient sieht bei seiner Flucht die zur "Euthanasie" geführten Kinder. An den federführenden Arzt von damals erinnert noch ein respektabler Straßenname.

Dass im Buch angesprochene Themen auf 270 Seiten halbwegs ausgereizt werden, ist kaum zu erwarten. Vieles bleibt nur Andeutung; mit persönlichen Stellungnahmen, sei es zwischen den Zeilen, hält sich die Autorin bewusst zurück. Auch dramaturgisch wäre noch mehr heraus zu holen, verließe sie die selbst verordnete Chronistinnen-Rolle. Was an dieser Prosa überzeugt, ist andererseits aber gerade diese einfühlsam leise Diktion, der weitgehende Verzicht auf Effekte, dieses verborgene Schwelen. Der Titel "Halbruhige", eigentlich bezogen auf eine spezifische Patientengruppe, ist symptomatisch.

Simone Regina Adams erzählt dabei direkt und präzise, ihre Dialoge kommen auf den Punkt. Nie entlädt sich ein Konflikt in dramatischer Aktion, mit Ausnahme des Suizids eines Patienten. Der wird für den überforderten Vater kurzzeitig zum Anlass, sich seiner abflugbereiten ältesten Tochter zuzuwenden. Zu einer tieferen Annäherung kommt es dann doch nicht. Es dominieren die Zwänge. Frappierend, wie gut die Autorin das Kolorit der späten Siebziger einfängt, von Kinderspielzeugen wie "Etch the Sketch" bis zur letzten Sendung von Rudi Carrells "Am Laufenden Band"– unerfüllte kollektive Glücksverheißung!

Die Hoffnung, zumindest um die Psychiatrie sei es heute besser gestellt, hängt (etwas unbestimmt) im Erzählraum. Die Tochter immerhin scheint ihren Weg gefunden zu haben – zu einem unspektakulären Roman über die Freiheit und über Menschen, die stets das Beste wollen – aber das Beste ist nie genug.

– Simone Regina Adams: Die Halbruhigen. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2013. 271 Seiten, 19, 99 Euro.

Autor: Stefan Tolksdorf