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08. September 2010

Drei Einsamkeiten

Die Schweizer Autorin Eveline Hasler setzt der Freundschaft zwischen Hermann Hesse, Emmy Hennings und Hugo Ball ein Denkmal.

  1. Entspannt in der Natur: Hermann Hesse, Emmy Ball-Hennings, Hugo Ball 1921 beim Ausflug nach Carona Foto: DLA

Als sich die drei Schriftsteller 1920 zum ersten Mal begegnen, stehen sie an Wendepunkten ihres Lebens. Hermann Hesse hat sich gerade von seiner Familie getrennt, Hugo Ball hat seinen Geliebten Hans Leybold verloren, Emmy Ball-Hennings blickt zurück auf Jahre des exzessiven Drogenkonsums, in denen ein Liebhaber auf den anderen folgte. Nun ist sie seit kurzer Zeit mit Hugo Ball verheiratet. Das Zusammentreffen des Ehepaars mit Hesse in dem Tessiner Dorf Cassarate markiert den Beginn einer sich über die Jahre hin intensivierenden Freundschaft, die Gegenstand des neuen Romans der im Tessin lebenden Schweizer Schriftstellerin Eveline Hasler ist.

Was verbindet die drei? Überspitzt formuliert könnte man sagen: ihre Einsamkeit. Sie sind Schriftsteller, verbringen die meiste Zeit über ihrer Arbeit am Schreibtisch. Hesse schreibt an "Siddharta", Hugo Ball, Mitbegründer des Zürcher Cabaret Voltaire, der Wiege des Dada, schreibt vor allem Gedichte und beschäftigt sich zu dieser Zeit mit Psychoanalyse und Mystik. Und Emmy Hennings? Sie ist und bleibt im Kreis der drei die "Andere", die ihr Anderssein nicht versteckt. Die sehr melancholische Atmosphäre der Gespräche zwischen Hesse und Ball bekommt durch die Stimme der dritten Person, Emmy, etwas Leuchtendes.

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Emmy Hennings hat offene Sinne, ihr Blick ist weniger nach innen als nach draußen, in die Welt, gerichtet. Anders als ihr Mann trägt sie die finanzielle Armut nicht wie ein Geschwür im Innern, sondern schaut auch in der Not aus sich heraus, nach draußen, in die Welt. Sie liebt das Reisen, neue Städte, Landschaften, Gesichter. Sie kennt nicht diese ewige Suche nach dem Ich, von der Ball und Hesse umgetrieben werden. Sie zieht zwei Kleider übereinander an, um im Koffer Platz zu haben für Bücher und die Mundharmonika. Als Hesse in seiner dritten Ehe endlich eine Frau gefunden hat, die ihm die Ruhe lässt, die er braucht und bürgerliche Sicherheit garantiert, vagabundiert Emmy mehr denn je durch die Welt, ohne Geld, ohne sichtbaren Erfolg und ohne Hugo Ball, der am 14. September 1927 gestorben ist.

Ball glaubte an den unveränderlichen Kern im Menschen wie Hesse. 1923 schreibt Hesse: "Ich suche und begehre eine Zukunft inwendig in mir, einen Raum oder Punkt, wo nur Ich ist, wohin die Welt nicht reicht." Emmy Hennings fühlt sich mit den beiden Ich-Gläubigen verbunden, aber sie empfindet und denkt anders. Sie ist stärker in der Moderne angekommen als Ehemann und Freund, ist mutiger und fantasievoller. In ihrer Aufgeschlossenheit für das "Wir" fühlt sie sich oft missverstanden, zurückgestoßen auch in ihrer Erotik von den Asketen Hesse und Ball. Und trotzdem hängt sie an ihnen, bewundert ihr Können, respektiert sie in ihrer Individualität.

Eveline Hasler nähert sich dem Dreigestirn sensibel, auf leisen Sohlen und entwirft einen weiten Raum der Freundschaft, in dem Vieles möglich ist, nahezu alles gesagt werden kann, aber auch das Schweigen seinen Platz hat. Hasler fängt die melancholische Grundstimmung sprachlich wunderbar ein. Man merkt, dass genau recherchiert wurde. Wie auf einer Bühne treten die drei Personen in immer neuen Kostümen auf und ab. Die Autorin schafft klare Konturen und lässt den Freunden dennoch ihr Geheimnis. Was Freundschaft sein kann, wird sichtbar und dass sie ihre Kraft vor allem dann beweist, wenn die beteiligten Menschen schwierige Charaktere sind, eigenwillige Geschöpfe mit starken Begabungen. Aber auch die übrigen Personen sind fein gezeichnet. Das Ehepaar Brown, deren musikalisch hochbegabten Sohn Hugo Ball unterrichtet, Ruth, die zweite Ehefrau Hermann Hesses, der Schriftsteller Friedrich Glauser: Sie alle erlauben dank Haslers feiner Federführung den Lesern einen Einblick in ihr Inneres. Die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen, ihre permanente Gefährdung, unüberbrückbare Einsamkeit des Einzelnen, davon erzählt dieser Roman. Die Frage, was größer sei, die Liebe oder die Freundschaft: Hier wird sie zugunsten der Freundschaft beantwortet.
– Eveline Hasler: Und werde immer Ihr Freund sein. Roman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2010. 224 Seiten, 18,90 Euro.

Autor: Ingeborg Gleichauf