Ein Getriebener und seine Metamorphosen

Martin Halter

Von Martin Halter

Sa, 19. Februar 2011

Literatur

Der Prophet letzter Wahrheiten war auch nur ein Kind seiner Zeit: drei neue Biografien zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner.

Als Dichter, Bildhauer und Maler ist er heute zu Recht vergessen; seine Eurythmie und seine Mysterienspiele sind wohl nur für Eingeweihte Offenbarungen. Aber in fast allen anderen Disziplinen hat Rudolf Steiner, ausgestattet mit universaler Bildung, kosmischem Ordnungswillen und einem starkem Sendungsbewusstsein, viel Großes gedacht und Schönes entworfen; selbst um so kleine Dinge wie die Etiketten für Weleda-Kopfschmerztabletten kümmerte der Meister sich persönlich, wie die große Steiner-Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum gerade zeigt.

Was Steiner in den vierhundert Bänden seines Werks (und über 5000 Vorträgen) über esoterische Dinge wie Atlantis und Astralleib, aber auch über praktische Fragen der Pädagogik, Architektur, Medizin, Landwirtschaft, Wirtschaft und Politik verkündete, hat reiche Früchte getragen, vom biologisch-dynamischen Demeter-Apfel bis hin zu den Waldorf-Schulen. Aber während das Imperium der angewandten Anthroposophie immer noch wächst, blieb Steiners "Geheimwissenschaft" ein Geheimtipp für Auserwählte. Man muss nicht an sein Geraune von arischen "Wurzelrassen" und zurückgebliebenen, triebhaften "Negern" erinnern, um zu begreifen: Der Prophet letzter Wahrheiten war auch nur ein Kind seiner Zeit.

Steiner hat Einflüsse seiner Epoche und seines persönlichen Bildungsgangs – Goethe, Nietzsche, Ernst Haeckel, Ideen der Lebensreform, Freimaurerei und Theosophie – aufgesogen und durchaus kreativ in sein System evolutionärer Metamorphosen eingebaut: Materie ist verdichteter Geist, der Kos- mos ist der nach außen ge- stülpte, unendlich erkenntnisfähige Mensch.

Wie so viele Sektengründer hat er dabei die Quellen, Bruchstellen und Widersprüche seiner "inneren Erkenntnis" gern vertuscht und seine eher krumme intellektuelle Biografie im Nachhinein zurechtgebogen. Immerhin aber hat er sich auch ständig gehäutet und weiterentwickelt: Vom Idealisten zum Materialisten, vom Philologen zum Berliner Bohemien, vom Anarchisten zum Okkultisten, vom nietzscheanischen Gottesleugner zum mystischen Christologen, vom Sohn eines kleinen Bahnbeamten zum Star großbürgerlicher Sinnsucher und "Astral-Marx" der 68er. Dass die heiße Lava seines Gedankenstroms nach seinem Tod 1925 abrupt in orthodoxen "Versteinerungen" erstarrte, ist nicht seine Schuld.

Schon Steiner gab freilich nichts auf die "Afterurteile" von Nichteingeweihten: Mit Blinden, schrieb er einmal, kann man nicht über Farben diskutieren. Insofern wundert es nicht, dass auch die drei neuen Steiner-Biografien schon auf harsche Kritik anthroposophischer Kreise gestoßen sind. Helmut Zander, Autor einer zweibändigen Studie über "Anthroposophie in Deutschland", hat das wissenschaftliche Referenzwerk geschrieben: fakten- und kenntnisreich, fair und ausgewogen im Urteil. Aber wer, wie Zander, Steiners Originalität oder gar Integrität anzweifelt ("Steiner liest theosophische Literatur, überarbeitet sie und legitimiert sie als eigene höhere Erkenntnis"), macht sich der Gotteslästerung schuldig. Zander beschreibt ihn nicht ohne Respekt als faszinierenden Charismatiker, vor alle aber als Getriebenen: Um den wachsenden Ansprüchen seiner zumeist weiblichen Anhängerinnen (in theosophischem Kreisen hießen die reichen, emanzipierten Gefolgsfrauen des "Weiberherzogs" nur "Tanten") auf spirituelle Lebenshilfe oder auch "karmische" Liebe zu genügen, rieb er sich auf strapaziösen Vortragsreisen und in der anthroposophischen Durchdringung immer neuer Lebensbereiche förmlich auf.

Miriam Gebhardts Steiner-Biografie ist nicht ganz so profund, aber dafür lesbarer und origineller. Für die Münchner Journalistin ist Steiner die "gekonnte Verkörperung eines modernen Gurus", ein vielseitig begabter Performancekünstler, der heute wohl über Internet-Blogs und Talkshows mit seiner Gemeinde kommunizieren würde. Die kürzeste und entbehrlichste Biografie kommt von Heiner Ullrich: Fein säuberlich getrennt in Leben, Lehre und Rezeption, arbeitet er seinen Stoff weitgehend gedanken- und kritiklos ab. Als Erziehungswissenschaftler liefert er zwar einen guten Abriss der Waldorf-Pädagogik, aber der historische Kontext von Steiners Leben und Werk bleibt unterbelichtet, die Figur blass.

Letzteres ist freilich ein Manko aller Biografien und selbst vieler zeitgenössischen Augenzeugenberichte. Egal, ob sie sich ihm mit Ehrfurcht, Hohn oder kritischer Distanz nähern: Der Mensch Rudolf Steiner bleibt merkwürdig maskenhaft und ungreifbar. Für Skeptiker war er nur der Rattenfänger mit den stechenden Augen, ein falsch psalmodierender "Verkäufer" (Tucholsky) auf dem Jahrmarkt der Erlösungsangebote.

Aber selbst der demütige Steiner-Verehrer Kafka zeigte sich nach einer Audienz enttäuscht: Der Meister hatte gerade Schnupfen und bohrte offenbar wenig vertrauenerweckend mit leerem Blick in der laufenden Nase.
– Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, München 2011. 368 S., 22,99 Euro.
– Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. C.H.Beck Verlag, München 2010. 266 S.,19,95 Euro.
– Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biografie.
Piper Verlag, München 2011. 536 S., 24,95 Euro.