Hänge deine Wurzeln in die Luft

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 03. November 2010

Literatur

Der elsässische Journalist Martin Graff macht sich in seinem Roman "Grenzvagabund" auf die Suche nach seinem Vater.

Es gibt Lektüren, die schneiden ins Herz und legen dort bis dahin gut versteckte Wunden offen. Dem Filmemacher, Journalisten, Kolumnisten (auch für die Badische Zeitung) und Kabarettisten Martin Graff ist es so gegangen mit Jonathan Littells monströsem Roman "Die Wohlgesinnten", der in Frankreich 2006 zum Bestseller wurde und den Prix Goncourt erhielt, in Deutschland zwei Jahre später zu heftigen Kontroversen führte: Hatte es der in New York geborene jüdische Autor doch gewagt, die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden aus der Perspektive eines SS-Offiziers zu berichten. Martin Graff erlebte die Reaktion auf dieses unerhörte und abstoßende Buch zweimal: Als 1944 in Munster geborener Elsässer ist der studierte Theologe seit je unterwegs zwischen zwei Sprachen und Kulturen. Ein bewusster Grenzgänger: Die schwierige Identität des Elsass, das in der Geschichte zwischen Frankreich und Deutschland hin- und hergeschoben wurde, ist sein Lebensthema.

Nun holt es ihn auf bestürzende Weise noch einmal ein: Sein Vater, den er nicht gekannt hat, war ein "Malgré-nous", gehörte zu jenen Elsässern, die nach der Annexion des Elsass durch Hitler 1940 für die Wehrmacht kämpfen mussten. Martin Graff: eingezogen im Januar 1944, gefallen in Polen im Februar 1945, in Bielsko-Biala, nur wenige Kilometer von Auschwitz entfernt. Getrieben von Wut, Ekel und Verzweiflung macht sich der Sohn 65 Jahre später auf die Suche nach dem Vater – und die ersten Seiten von Martin Graffs Roman "Grenzvagabund", die dies alles erzählen, reißen den Leser mit in den Gefühlsstrudel, der den Ich-Erzähler ergriffen hat, während er hektisch nach Polen reist und wieder zurück, beim Militärischen Forschungsamt in Potsdam Erkundigungen einholt, sich, weil er es anders nicht aushält, wieder auf den Weg macht, wieder in der Erde gräbt, an der Stelle, an der er beim ersten Mal auf eine Büchse mit einem Familienfoto gestoßen ist: "Muß doch in der Nähe meines Vaters bleiben, dort, wo er die letzten Tage seines Lebens verbracht hat."

Den ungewöhnlichen Roman einer nachgetragenen Liebe hat Martin Graff zweimal geschrieben: zuerst auf Deutsch, dann auf Französisch – das ist, soweit man das beurteilen kann, ein ziemlich einmaliger Vorgang, aber aus der Perspektive dieses Autors, der für seine Kolumnen eine eigene Mischsprache entwickelt hat, nur konsequent. Klar umgrenzte Identitäten sind bei ihm nicht zu haben. So mag es dann nach einem ersten Stutzen auch nicht wirklich verwundern, dass dieser temperamentvoll im Präsens vorgetragene Text – wer den Autor kennt, findet ihn darin wieder – so selbstverständlich wie kühn zwischen Autobiographie und Fiktion, dokumentierten Fakten und märchenhafter Erzählung vagabundiert: Der "Gedankenschmuggel", für den der Ich-Erzähler viel übrig hat, gilt in erster Linie für ihn selbst.

Sind die Elsässer die
Kurden Westeuropas?

Was soll man davon halten, dass aus dem Nichts eine polnische Halbschwester Martins auftaucht, Natascha, die ihn mit der Tatsache vertraut macht, dass sein tot geglaubter Vater lebt: Dass Martin Graff senior sich mit einer Partisanin im Huckepack aus dem russisch-deutschen Rückzugsgefecht auf dem Lobnitzer Damm bei Bielitz retten konnte, durch eine Verschüttung aber vorübergehend sein Gedächtnis verlor und in Polen, fern von seiner elsässischen Frau Babette und dem kleinen Martin, mit Margaretha eine zweite Existenz als aufrechter Kommunist und Langlauftrainer der polnischen Nationalmannschaft einfädelt?

Auf jeden Fall gelingt es dem Autor, diese an ein Wunder grenzende Wende seiner Suchbewegung aus einem anonymen Grab – wo sein Ich-Erzähler sogar versucht hatte, mit dem Vater in eine telepathische Beziehung zu treten – in eine Auferstehung so glaubhaft zu erzählen, dass der Leser ihm mühelos dabei folgt. Wenn der Vater am Kommunismus irre wird und sich 1968 während der Olympischen Spiele in die USA absetzt, wenn Frau und Tochter ihm über die – missglückte – Flucht in einem Heißluftballon folgen wollen, schwingt bei diesem sehr belesenen Autor immer die Nachkriegsgeschichte des Kalten Krieges mit.

Am meisten in seinem Element aber ist Martin Graff, wenn er das Elsass ins Spiel bringen kann. Und das gelingt ihm selbst in Polen, wenn ihn die Beskiden an das Munstertal und seinen geliebten Hausberg Le Hohneck erinnern. Die Schwester des Ich-Erzählers kann das bestätigen. Im vorletzten Kapitel besucht sie ihren Bruder in der Heimat. Der Besuch ist aus ihrer Perspektive geschildert: In "Grenzvagabund" haben nicht nur der Sohn, sondern auch der Vater (in seinem Kriegstagebuch) und Natascha eine eigene Stimme. Über ihre Wissbegier schmuggelt der Autor allerlei Geschichten über das Elsass ins Buch, pointiert, schlagfertig – wie man es von ihm gewohnt ist. Ob die Elsässer wirklich die Kurden Westeuropas sind: Über solche kessen Vergleiche lässt sich streiten. Nicht aber über den tief empfundenen und gelebten europäischen Geist, der dieses zwischen Roman und Geschichtskunde vagabundierende Buch durchweht. Am schönsten bringen ihn die dem Vater in die Feder diktierten Verse zum Ausdruck: "Hänge deine Wurzeln/ in die Luft und klettere auf die Sterne, / erst dann blickst du über die Grenzen/ ins andere Land, ins andere Herz,/ erst dann blickst du über die Grenzen/ ins eigene Land, ins eigene Herz." Ob Martin seinen Vater noch getroffen hat? Das müssen Sie schon selber herausfinden.
– Martin Graff: Grenzvagabund. Roman. VAT Verlag André Thiele, Mainz 2010. 212 Seiten, 16,90 Euro.