Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
14. März 2009
Nachrichten aus der Zwischenwelt
Die Schwenninger Schriftstellerin Nina Jäckle
Orte sind wichtig", lässt Nina Jäckle in ihrer ersten Erzählung den Vater sagen. Ortswechsel auch, damit die Jahre sich unterscheiden, das Leben im Fluss bleibt, dessen Geschichte auch, neu erfunden mit jeder Erzählung, jeder Erinnerung, jeder Lüge. Und so erobert die Schwenninger Schriftstellerin sich die Welt, lebt nach Stationen in Stuttgart, Neuchâtel, Paris, München, Wien, Sevilla immer wieder in Berlin, wo sie im Frühjahr einen Film über die finale Begegnung eines Paares drehen wird. Jetzt in Rouen arbeitet sie an ihrem jüngsten Roman. Ihren Ort hat sie am Schreibtisch gefunden; von dort erobert sie die literarische, oft laute Welt, in die sie leise Töne setzt. Hochsensibel schafft sie stille Texte der Innenschau, die ihren Zauber des Erzählens entfalten. Die Erzählung "Warten" mit den Holzschnitten Franziska Neuberts, soeben zu einem der schönsten Bücher des Jahres gekürt, mag es erweisen.
Zu subtil sind Geschichten wie "Buchenhofstaffel" gewoben für vorschnelle Kritik von Juroren, denen der Wörthersee vor Augen verschwamm, 2002 beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Auch mit der Komposition des existentialistischen Spiegelromans "Noll", dem sie das Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg dankt und der ins Französische ("L'instant choisi") übersetzt ist, tun Kritiker sich schwer: Die intensiven Recherchen einer Versicherungsangestellten zum Selbstmord Nolls, der einem gelenkten Leben ein Ende setzt, lassen sie ihre eigene Lage erkennen, ist doch auch sie dem Diktat des "man" unterworfen. Sie wird kündigen, der Alltagsroutine entrinnen, das Leben gewinnen. Sie hat hinter dem Fall den Menschen entdeckt, dessen in die Brüche gegangenes Leben sie aus Fragmenten neu fügt: Sie wird zur Erzählerin. So wie die Tochter einer Malerin und eines Jazz-Pianisten, der als Unternehmer gesellschaftlich bestehen muss; wie die Sprachschülerin, die erst einmal Werbetexterin wird. Mit 25 Jahren beginnt Jäckle zu schreiben, die viel gelesen hat, vor allem Marguerite Duras. Erste Hörspiele erregen Aufsehen: Die Gattung zwischen Bühnenstück und Prosa zieht sie magisch an, "das inszeniert Literarische". Hörspiel und Prosa tragen ihr internationale Anerkennung ein: Aufsehen erregt zuletzt "Auf allen Sendern, stündlich", worin sie die Erfahrungen siamesischer Zwillinge thematisiert. Jäckles erstes Theaterstück hat der DRS produziert: "Hanne" stiehlt sich, alt geworden, aus dem Leben davon – in bewusstem Verlöschen.
Werbung
Nina Jäckle entzückt. Wundersam ist ihr Sprachsog im Fluss des Bewusstseins mit seinen Blindstellen, da Gedanken in Endlosschleifen kreisen, Erinnerungen auftauchen, Verdrängtes Erlösung verhindert, Unausgesprochenes lastet. Die "Auslassung des Gemeinten" ist zentrales Prinzip Jäcklescher Erzählkunst. Und wie in "Noll" unbewältigt Bedrückendes jedes Gefühl gefrieren lässt, so bleibt ein Kindheitstrauma im Roman "Gleich nebenan" nicht ohne Folgen: Die junge Frau kehrt wieder, liebesfähig, würde der Lebensgefährte nicht Krankheit zur Herrschaft brauchen. Im kommenden Roman lernt eine nach Sevilla sich Flüchtende jene Worte des Spanischen nicht, die sie erinnern an das, was sie belastet; einer Vermeidungssprache bedient sie sich, in welche die ausgesparten Worte eindringen wie von selbst.
Formvollendet sind die Strukturen. Sätze werden wie Themen einer Sonate aneinandergefügt, aufgegriffen, abgewandelt. Ein geschärftes Gespür beweist Jäckle für den Satzrhythmus, für Klauseln, Alliteration und Assonanz, Schlag- und Stabreim: der unverkennbare Jäckle-Sound, auch wenn sie Songs schreibt für Urban Elsässer und wenn sie sich einfühlt in Raymond Federman. Morgens macht sich Jäckle ans Schreiben, abends liest sie Korrektur, laut. Morgens der Schreibtisch, abends der Schreibtisch, dazwischen das literaturlose Leben. Der Schreibtisch nur bringt Beständigkeit ins Leben der Weltbürgerin. Schreiben wird "zu einer Art, die Welt erträglich zu machen, zu sortieren, zu filtern. Es ist die Ordnung der Dinge; meine Ordnung ist es auch." Im Raum. Im Kopf.
Die Ordnung ist gefährdet. Nina Jäckles Figuren geraten durch kleinere oder größere Katastrophen aus dem Tritt. Sie sind in geschlossenen Räumen; ihre Wahrnehmung ist eingeschränkt; ihr Radius engt sich ein. Die Kurzform der Prosa ist dem angemessen. Für Äußerlichkeiten ist kein Platz. Die "Scheu vor Kitsch und Selbstmitleid" läss Nina Jäckle alles Liebliche tilgen: nicht das Sentiment – dichtere Bilder für geschenktes und missbrauchtes Vertrauen sind selten mit Worten schraffiert worden! –, wohl aber jede Sentimentalität.
Nicht nach einem fertigen Plot schreibt Jäckle. Ein Satz entzündet die Erzählung. "Wie das wohl ist, wenn einer geht?" fragt sie in "Noll". "Bleiben ist ein gutes Wort, das dachte ich – und dann fiel mir das Haus ein", heißt es in "Buchenhofstaffel"– und die Heimat, das Fernweh, der Verlust, der Tod. Ungeheuerlich ist er; er naht, von Kindern unbemerkt. Eine Einübung ins Leben steht ihnen bevor, das den Schmerz kennt. Doch wird er nicht zum Grundriss des Seins. Abwege gibt es, Auswege auch – wie in "Warten"; sogar jene Heiterkeit, die einen angesichts des Unabwendbaren lächeln lässt. Und eine Poesie der Erzählung, die Schmerz eher schweben denn lasten lässt: aufgehoben durch die erzählte Geschichte, die das Lebensthema von Grenzen und Grenzüberschreitungen kennt, Einfühlung und Kälte -– auch in der Fähigkeit des einzelnen, neben sich zu treten und sich selbst zu beobachten.
Nina Jäckles literarische Miniaturen sind Grenzgänge von atmosphärischer Dichte. Sie ist eine Lyrikerin, die Prosa schreibt. Sie verlangt sie dem Leser einiges ab. Doch die Anstrengung lohnt sich.
– Nina Jäckle: Gleich nebenan. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2006. 126 Seiten, 18 Euro.
– Nina Jäckle: Noll. Roman. Berliner Taschenbuch Verlag 2006. 190 Seiten, 8,90 Euro.
Autor: Michael J. H. Zimmermann



