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12. November 2014

Buch

Sven Reichardt: Die Blüte der Alternativkultur

  1. Foto: Verlag

Anti-AKW-Demos und Frauenversammlungen, Wohngemeinschaften und Szenekneipen, Kinderläden und Hausbesetzungen - das linksalternative Leben in Deutschland hatte vor 30 Jahren seine Blütezeit. Sven Reichardt, Professor für Zeitgeschichte an der Uni Konstanz, hat ihm eine tausendseitige Studie gewidmet. Beeindruckend durch die Menge an verarbeitetem Material - von Szenepublikationen und Erinnerungsliteratur bis zu Umfragen und Forschungsliteratur - lässt sie zwei Lesarten zu. Wer dabei war in den 70er und frühen 80er Jahren, für den ist die bei allem akademischen Vokabular gut zu lesende Darstellung etwa des Betroffenenjournalismus in der Alternativpresse oder der Diskussionen über Männlichkeitsvorstellungen Erinnerung an vergangene Zeiten. Und gerade wenn man nicht in Berlin und Frankfurt, den Zentren der Alternativkultur, oder in Heidelberg, das Reichardt stellvertretend für die mittleren Unistädte untersucht hat (Freiburg kommt am Rande vor), lebte, führt einem das Buch vor, wie es dort gewesen ist. Die zweite Lesart ist eine theoretische, einordnende. Mit Michel Foucault thematisiert Reichardt, wie in der Alternativkultur die Selbstverwirklichung zum Zwang wurde, die Kategorie des Authentischen zum Machtinstrument. Und mit viel sozialhistorischem Kontext ordnet er die Alternativbewegung in die Geschichte der BRD ein, erklärt sie gar zum "Teil" der postmodernen Erlebnisgesellschaft. Ob da nicht mehr dialektisches Denken und Kategorien wie "Widerstand" angebracht gewesen wären, kann man mit dem Autor bald in Freiburg diskutieren. Vorausgesetzt, die Lesung in der linksalternativen Jos-Fritz-Buchhandlung wird keine nostalgische Veranstaltung.

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Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft – Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin 2014. 1008 Seiten, 29 Euro. Lesung: Freiburg, Jos Fritz Buchhandlung, Mo, 24. November, 20 Uhr.

Autor: Thomas Steiner