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27. August 2011
200. Geburtstag
Théophile Gautier: Das nutzlos Schöne
Er erfand die Formel "L’art pour l’art": Zum 200. Geburtstag des Kunstkritikers, Romantikers, Rebellen und Bohemiens Théophile Gautier.
Endlich, nach zähem Ringen, gibt Frankreichs erste Bühne bekannt: Der "Hernani" wird uraufgeführt. Ein Aufschrei geht durch die Pariser Bourgeoisie, droht doch ein letztes Relikt der Klassik zu fallen. Seit König Ludwig XIV. gilt es als ausgemacht: Jedes Drama müsse einen hohen Stil und die Einheit von Ort, Zeit, Handlung wahren. Stückeschreiber Victor Hugo hat diese Formalien längst als "Käfig" kritisiert, wo alles Lebendige bis aufs "Skelett" ausgehungert werde, und einen Bruch mit den alten Theaterroutinen angekündigt.
Und tatsächlich, am 25. Februar 1830, versammelt sich eine Hundertschaft im Thêatre français und sorgt für einen Premiereabend, der seinesgleichen schwer finden wird. Kaum sind die ersten Verse verklungen, branden im Orchester schrille Bravorufe auf. Parkett und Logen kontern mit Pfiffen und bösem Gelächter. Bis zum letzten Vorhang, dreißig Vorstellungen lang werden sich die "Entflammten" und die "Ergrauten" derart duellieren.
Unter Hugos Claqueuren sticht einer besonders hervor. Er hat sich für den Showdown eigens hergerichtet: lange Haare, hellgraue Hose und eine rote Weste. Das provokante Kleidungsstück wird sich zum Merkzeichen der Schlacht um "Hernani" und ihrer großen Siegerin mausern: der französischen Romantik. Ihren Träger macht die Weste über Nacht berüchtigt, den 19-jährigen Théophile Gautier.
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in die Luft wie Katzen."
Theophile Gautier
Romantiker und Rebell war er von Kindesbeinen an gewesen, noch bevor er wusste, was er tat. Das Pyrenäen-Dorf Tarbes, wo er am 31. August 1811 zur Welt kam, bot dafür das nötige Inventar: "blaue Berge" und eine ländliche Ruhe vor den Stürmen der Moderne. Für den späteren Romantiker war Tarbes der ideale Ort, einfach , weil er schon nach drei Jahren verloren ging. Die Gautiers zogen ins graue Paris und dort wendet sich sein Blatt ins Rebellische. Der kleine Théophile wirft die Zinnsoldaten aus dem Fenster, steht schon auf der Brüstung, um ihnen nachzuspringen, aber die Amme hält ihn fest. Sprünge ins Freie wird Gautier immer wieder wagen, im Leben, doch vor allem in der Kunst. Die wahren Paradiese mögen verloren sein, aber sie lassen sich durch künstliche ersetzen. Das bessere Spielzeug heißt zuletzt: Poesie.
Damit liegt Gautier im Trend der Zeit. Während der Julirevolution 1830 sieht es kurz so aus, als könne die Poesie sogar im politischen Nahkampf bestehen, ganz so, wie es zuvor jenseits des Rheins Novalis verkündet hat: "Ein Kommandowort bewegt Armeen; das Wort Freyheit Nazionen." Die Pariser Romantiker mochten kaum gezweifelt haben: Die freie Poesie hat die Schlacht um Hernani gewonnen, ist auf die Straßen übergesprungen, hat den erzreaktionären König Karl X. gestürzt. Nun lässt der neue Bürgerkönig Louis-Philippe I. auf einen kunstfreundlichen Liberalismus hoffen.
Für die Gautiers endete die Julirevolte in einem Desaster. Vater Pierre hatte an der Börse auf eine Hausse gewettet, doch die Blase platzte und Sohn Théophile verlor sein Erbe. Fortan musste er ganz unromantisch mit der Kunst Geld verdienen, und nicht zu knapp: Ab Mitte der 1840er Jahre rechnete eine fünfköpfige Familie samt Mätressen mit ihm als Ernährer. Den Brotberuf verschaffte ihm ein Kontakt aus dem Dunstkreis Victor Hugos. Émile de Girardin, ein erfolgreicher Neuerer des Zeitungswesens, machte Gautier zum Feuilletonisten und ließ ihn zweimal die Woche das Zugpferd von "La Presse" besorgen. Die halbe Seite eins war fürs Feuilleton reserviert, und zu den Schreibern gehörte namhafte Prominenz. Gautiers scharfe Kritiken brachten ihn bald in den Ruf eines mächtigen Kunstpolizisten.
Trotz der Erfolge empfand er eine Hassliebe für seine Zunft. Er rügte ihre künstlerische Impotenz, ihren bürgerlichen Rachegeist, ihre halbgaren Informationen. Doch unter Freunden prahlte er mit seiner stilsicheren Vielschreiberei: "Ich werfe meine Sätze in die Luft wie Katzen und bin sicher, dass sie auf die Füße fallen."
Ehe Gautier wurde, was er auch verachtete, lebte er das Leben eines Bohemien. Unweit des alten Louvre fand er eine Künstlerkolonie mit gleichgesinnten Orgiasten. Aus den lustvollen Tagen stammt sein erstes großes Prosawerk "Mademoiselle de Maupin". Der virtuos erzählte Briefroman ließ das Modegefühl jener Tage aufleben, den "Ennui" genannten Lebensüberdruss. Als Heilmittel empfahl Gautier die absolute Liebe und steckte dafür die Titelheldin in die Hosenrolle. In Männerkleidern erforscht die androgyn Schöne einige Lüste der Geschlechter und findet ihr Glück in einer bisexuellen Liebesnacht.
Überraschend empörte die Zeitgenossen weniger der Tabubruch auf dem Gebiet der Lüste. Den Skandal machte Gautiers Vorrede: "Nein, ihr Dummköpfe, nein, ihr Idioten und Kropfkranken, ein Buch liefert keine gelierte Suppe; ein Roman ist kein nahtloses Paar Stiefel, ein Sonett keine Spritze mit Dauerstrahl und ein Drama keine Eisenbahn". Hier sollten sich Journalisten, Sittenwächter und Kapitalisten angegangen fühlen, denn sie alle einte der blinde Drang, der Kunst ihr fremde Zwecke anzuhängen: profitable Debatten, bessere Menschen oder hohe Absatzzahlen. Dagegen hielt Gautier eine Kunst aus Überfluss und Verschwendung: "Nur das ist wirklich schön, das zu nichts dienen kann; alles, was nützlich ist, ist hässlich." Als die wahren Leistungsträger galten ihm die interesselosen Kunstbetrachter und die Erfinder neuer Lüste: Deren Freiheit, alle Kunst um der Kunst willen zu genießen, verdiene Lohn und Ehren.
Die Vorrede gehört zum Besten, was Gautier je schrieb. Jeder zweite Satz brüstet sich wie ein zitierfähiges Bonmot, und doch fehlt die alles entscheidende Formel. Dabei kursierte sie längst als Losungswort unter den Romantikern, aber erst ihre Kritiker machten sie als Schimpfwort öffentlich. Noch Friedrich Nietzsche würde sie bespötteln als "das virtuose Gequak kaltgestellter Frösche": jenes "L’art pour l’art".
Die Folgen der Formel, als deren Begründer Gautier gilt, gehören zu den großen Ironien der Kulturgeschichte. Ausgerechnet das Machtwort für die freie Kunst ließ sie in neuer Weise unfrei werden. Das "L’art pour l’art" spornte die Literatur an, einer lukrativen Geschäftsidee zu folgen: dem rein der Unterhaltung dienenden Bestsellerwesen. Es ließ das nutzlos Schöne aufs leicht Verdauliche, den müßigen Kunstfreund zum gestressten Konsumenten schrumpfen. Auch Gautier probierte sich in dem neuen Genre, doch sein Mantel- und Degenroman "Kapitän Fracasse" verfehlte den Publikumsgeschmack.
Seiner fixen Idee blieb Gautier zeitlebens treu und absolvierte dafür das nötige Pflichtprogramm. Fürs überflüssig Schöne war Weltflucht angesagt, also reiste er nach Spanien, Russland oder Algerien und schrieb elegante Reiseberichte. Aus Italien schickte er ein schwüles Stück Pornografie und gefiel sich als strammer Voyeur zwischen Beischläfern und Onanierern ("Brief an die Präsidentin"). Seine Prosa öffnete sich für weltfremde Gestalten wie Avatare ("Avatar"), Mumien ("Roman der Mumie") oder Vampire ("Jettatura"), auch Drogen-Experimente durften nicht fehlen. Im prächtig-verruchten Hôtel Pimodan auf der Pariser Île St. Louis aß er mit Charles Baudelaire oder Honoré de Balzac grüne Haschischpaste und halluzinierte ein Wurzelwesen mit Schnabelnase ("Der Haschischclub").
1848 versetzte ihn die Februarrevolution noch einmal in einen Rausch der Freiheit und Verbrüderung, doch kaum war er verflogen, verlor er viel Geld und den letzten politischen Elan. Hugos Sympathie für die Sozialisten mochte er nicht teilen, lieber wechselte er ins Regierungslager und schrieb des Geldes wegen für den staatstreuen "Le Moniteur universel". Sein Heil suchte er fortan in seinen Gedichten und Romanen. Sie galten ihm als Refugium, wo das Leben sein durfte, was es sein sollte: ein lustvolles Wunschkonzert.
Ehe Gautier am 23. Oktober 1872 um 8 Uhr 32 starb, feierte er noch einmal seine Rebellenjahre und das kunstvoll Schöne als das menschlich Wahre, doch es war ihm unter der Hand zum bloßen Reflex entraten. Alles musste edel und glänzend sein, und koste es auch jene freie Lebendigkeit, für die er sich einst die rote Weste hatte schneidern lassen: "Wir können den Mund nicht öffnen, ohne dass sogleich Goldstücke, Diamanten, Rubinen und Perlen herausfallen. Wir würden ja gerne – und wenn nur aus Freude an der Abwechslung – von Zeit zu Zeit eine Kröte, eine Natter oder eine rote Maus ausspeien. Aber das liegt nicht in unserer Macht."
– Théophile Gautier: Die Jeunes-France. Spöttische Geschichten. Aus dem Französ. von Melanie Grundmann. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2011. 316 S., 22,90 Euro.
– Théophile Gautier : Mademoiselle de Maupin, Roman. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann. Manesse Verlag, Zürich 2011. 704 S., 24,95 Euro.
Autor: Martin Kölbel
