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03. Mai 2013

Unbarmherziges Urteil

Der Autor Karlheinz Deschner hat seine "Kriminalgeschichte des Christentums" mit dem zehnten Band abgeschlossen.

  1. Christliche Habsburger gegen muslimische Osmanen: Prinz Eugen in der Schlacht um Belgrad 1717 Foto: BZ

  2. Karlheinz Deschner Foto: dpa

Dass der heute fast neunzigjährige Karlheinz Deschner sein Opus magnum, die zehnbändige "Kriminalgeschichte des Christentums", noch abschließen würde, haben unter seinen Lesern – Gegnern wie Sympathisanten – wohl nur wenige geglaubt, gefürchtet, gehofft. Die hübscheste Legende, die sich um die Überlebenskraft dieses Monumentalwerks und ihres Autors rankt, ist wohl die von jenen gläubigen Katholiken, die dem fränkischen Schriftsteller ein langes kirchenkritisches Leben gewünscht haben und zu diesem Behuf sogar etliche Messen lesen ließen.

Deschner hat es mit hartnäckiger Selbstdisziplin und einem nie nachlassenden Engagement geschafft. Man mag einwenden, dass dabei auch ein kleiner Etikettenschwindel mit im Spiel ist: Der zehnte und letzte Band der "Kriminalgeschichte" schließt nicht, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, mit der Gegenwart, sondern dem Ende des 18. Jahrhunderts und einem "Ausblick auf die Folgezeit" ab. Auch das Format ist im Vergleich zu früheren Bänden geschrumpft, der lange Atem hat verständlicherweise nachgelassen. Indessen hat Deschner den verbleibenden Zeitraum mit früheren seiner Monumentalwerke, vor allem der jetzt in einer erweiterten Fassung wiederaufgelegten "Politik der Päpste. Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege", bereits abgedeckt.

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Der zehnte Band der "Kriminalgeschichte des Christentums" konzentriert sich zunächst auf die blutigen konfessionellen Kämpfe in Skandinavien und den "großen nordischen Krieg" von König Karl XII. von Schweden – "eine kleine Armee schwedischer Feldgeistlicher war immer dabei", zumal als es in einem weiteren Angriffskrieg gegen das orthodoxe Russland ging. Doch auch das von Karl XIII. blutig bekriegte Zarenreich mit Moskau als "drittem Rom" erweist sich keineswegs als heilig. Für Deschner reimt sich die zaristische Geschichte auf "Foltern, Pfählen, Köpfen, Beten". Als so schrecklich wie Iwan der Schreckliche erwiesen sich bei näherem Zusehen alle porträtierten Zaren.

Der Tiefpunkt des zehnten Bandes ist die Geschichte des österreichischen Prinzen Eugen, des "edlen Ritters", der die Schaffung des neuen Mitteleuropas betreibt und zu diesem Behuf in den Schlachten von Zenta, Peterwardein oder Belgrad vermutlich mehr als 20 000 Türken niedermetzeln lässt.

Auch dieser zehnte Band setzt mit am Schluss noch einmal radikalisierter Schärfe das Riesenwerk einer "Kriminalgeschichte", ohne Umschweife: einer Verbrechensgeschichte des Christentums, insbesondere der katholischen Kirche, fort. Versöhnlichkeit, gar Altersmilde ist von Deschner nicht zu erwarten.

Die kirchenhistorische Antikritik hat Deschner denn auch Einseitigkeit, Unwissenschaftlichkeit, gar Häme und blanken Hass vorgeworfen. Gerichtlich sind einige Gegner gegen ihn vorgegangen, so 1971 in einem in Nürnberg angestrengten Prozess. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wo seine Feinde ihn vor einigen Jahrhunderten gern gesehen hätten: auf dem Scheiterhaufen.

Den Seriöseren seiner Kritiker war sein Werk immerhin eine detaillierte Auseinandersetzung wert, etwa in dem Band "Kriminalisierung des Christentums? Karlheinz Deschners Kirchengeschichte auf dem Prüfstand", erschienen bei Herder 1993. Die ebenfalls bei Herder erschienene "Geschichte des Christentums" und das bei Campus herausgekommene britische Standardwerk über dasselbe Thema ermöglichen in der Tat eine konkurrierende Lektüre. Bei einem Werk dieses Zuschnittes ist das immer möglich und nötig. Aber wer der von Deschner nachgezeichneten Blutspur folgt, wird sich dem schlimmen Gesamteindruck kaum entziehen können. Was hat die Geschichte des Christentums, der Christentümer aus den Ansätzen einer Liebesreligion gemacht!

Die Schwierigkeiten des Riesenwerks

Auch der letzte Band dieser "Kriminalgeschichte" unterstreicht freilich noch einmal, welchen enormen Schwierigkeiten dieses Riesenwerk abgewonnen ist. Die Monotonie fortgesetzter Verbrechen könnte ermüdend wirken und der kritischen Intention unfreiwillig abträglich sein. Mag die Philosophie ihr Grau in Grau malen, so die Kriminalgeschichte ihr Rot in Rot. Aber Deschner zeigt auch hier die schriftstellerischen Qualitäten, die ihn seit seinen literarischen und literaturkritischen Anfängen – 1957 erschien seine fabelhafte Streitschrift "Kitsch, Konvention und Kunst" – auszeichnen. Auch bitterböse, manchmal gnadenlos zu schreiben, will gelernt sein.

Eine zweite Gefahr: Deschner schreibt nicht nur moralistisch, sondern so, dass er in seinem Urteil an eben die Traditionen anschließt, deren Unbarmherzigkeit er bekämpft. Das biblische "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" ist auch bei ihm die kognitive Maxime. In einem katholischen Milieu aufgewachsen, Zögling diverser Klosterschulen, für ein Jahr Student an einer philosophisch-theologischen Hochschule, anfang der 50er Jahre wegen der Heirat mit einer geschiedenen Frau exkommuniziert, agiert er als enttäuschter Christ. Eine Art von kirchenhistorischem Jüngsten Gericht findet bei ihm statt. Aber man zeige doch einmal einen Autor, einen Historiker, der von der Verbrechensgeschichte, die er schreibt, unberührt bliebe.
– Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Band 10: 18. Jahrhundert und Ausblick auf die Folgezeit. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 319 Seiten, 22,95 Euro.
– Ders.: Die Politik der Päpste. Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2013. 1115 S., 59 Euro.

Autor: Ludger Lütkehaus