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08. Dezember 2012

Vor den Desastern

Christoph Meckels afrikanische Erfahrungen aus den 1960er Jahren beschwören die Dialektik von Faszination und Entsetzen.

  1. Von Afrika inspiriert: Grafik Meckels Foto: Libelle Verlag

Christoph Meckels jüngste Publikation "Dunkler Weltteil" ist als "Erinnerung an afrikanische Zeit" untertitelt, sie reiht sich ein in eine im Libelle Verlag veröffentlichte Werk- sequenz, die Erinnerung im Medium der Sprache rekonstruiert: Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz und Peter Huchel, an eine Jugend im Nachkrieg ("Russische Zone"). "Afrikanische Zeit" war für Meckel offenbar fast über ein halbes Jahrhundert gespeichert, aufgehoben in den Labyrinthen eines kreativen Bewusstseins, ein unverlierbarer Besitz, aus der Latenz geweckt vermutlich durch den Tod des großen deutschen Afrikaforschers Ulli Beier im April 2011, in dem der junge Meckel einen einzigartigen Mentor gefunden hatte. "Dunkler Weltteil" ist nicht zuletzt ein sensibler Nachruf auf den Freund Ulli Beier: "Er war der Beweger, der Forschende, Erkennende, Richtungsweisende, ein Créateur, …, ein Wissenschaftler, der zum Wissenden und vielleicht zu einem Weisen wurde."

Meckel hat Afrika Mitte der 1960er Jahre bereist, in einer "Zeit des Atemholens" , in den ersten Jahren der Unabhängigkeitsära, als sich nach den Gräueln der Kolonialepoche eine neue Staatlichkeit zu formieren, im Kontext des "Nationbuilding" "ein nachkoloniales Leben und Lebensgefühl … zu entfalten begann". Zäsurzeit, historischer Schwebezustand: "Die Zeit der Potentaten, Kindersoldaten und Flüchtlinge stand noch bevor. Menschenmögliche Zeit vor Desastern ohne Ende." Meckels "dunkler Weltteil" sind die Länder Nigeria und Senegal, Kano und Ibadan, Lagos und Oshogbo, Dakar und die Sklaveninsel Gorée, "das Land Joal" und die Casamance. "Afrikanische Zeit" markiert für den Poeten, aber auch – kenntlich in den Tier- und Maskenmenschen der zehn Graphiken, die den Band illustrieren – für den Zeichner Meckel eine kardinale Erfahrung. Betörende Gerüche, leuchtende Farben, frenetisches Gelächter, nie gehörte Geräusche, Trommeln, Masken, Tanz und Magie, die schwarze Haut "ein magnetischer Stoff": Meckel erfährt sein Afrika als sinnliche Sensation, aber auch als existentielle Verstörung, die alle Erfahrung, alles Wissen, alle Routine des Europäers zerschlägt, womöglich für immer. 1967 beginnt der Biafra-Krieg, die "menschenmögliche Zeit" ist zu Ende.

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"Die Könige der Yoruba waren bedeutende Erscheinungen, in stolzer wie selbstverständlicher Bewusstheit großer Tradition. Sie waren … wahre Charaktere, weltoffene, kluge Souveräne, ...sie wurden begrüßt, bejaht, beachtet, da sie menschenmögliche Autorität, nicht politische Macht zu verkörpern wussten." "Ich fragte ihn nach den Praktiken schwarzer Magie, den Morden und Toden, Verfluchungen, Krankheiten, Unfällen – und Ulli Beier, der ursprünglich europäische Intellektuelle, sagte: Keiner, der das Leben der Menschen hier teilt, wird dir antworten. Wer etwas weiß, sagt nichts. Das Furchtbare stimmt, es funktioniert – ." "Dunkler Weltteil" beschwört die Dialektik von Faszination und Entsetzen. Angesichts afrikanischer Mysterien kann es kein Bescheidwissen, sondern nur die Bereitschaft zur Irritation geben, keine mimetische Sprache, sondern nur die Präzision der Poesie, die die Phänomene neu erschafft, verwandelt in Sprache, im besten Fall: in Literatur. Kein Zufall, dass das grandiose Langgedicht "Die Savannen" einen lyrischen Schlussakkord setzt. Meckel ist ein Lyriker, oft genug auch dann, wenn er Prosa schreibt.

Die Begegnungen mit afrikanischen Autoren wie Amos Tutuola, Christofer Okigbo, Chinua Achebe, Wole Soyinka oder Léon Damas sind, noch aus der Rückschau fünfzig Jahre danach, für den 30-jährigen "German writer" als wichtige Wegmarken kenntlich; Okigbo und Damas hat Meckel Verse gewidmet, einige der komischsten Passagen von "Dunkler Weltteil" schildern die Begegnung mit Tutuola in Ibadan, dessen Epos "Der Palmweintrinker", dieses "Gewächs aus Folklore und Poesie", zu Meckels Lieblingsbüchern gehört. In Dakar trifft Meckel den großen Aimé Césaire, mit dem senegalesischen Dichter-Präsidenten Léopold Sédar Senghor der bedeutendste Vertreter der Négritude, deren "Ausklang" und Ende der europäische Gast hellsichtig voraussagt.

Im Zentrum dieser "Erinnerung an afrikanische Zeit" steht tiefe Desillusion,Ent-Täuschung: "Fremdsein, Neinsein, Leeresein in durchdringend wesenloser Helle, die etwas wie Sinn oder Sinngebung nicht mehr zuließ." Meckels "Dunkler Weltteil" ist ein grandioser Solitär innerhalb der deutschsprachigen Afrikaliteratur.

– Christoph Meckel: Dunkler Weltteil. Erinnerung an afrikanische Zeit. Mit zehn Graphiken des Autors. Libelle Verlag, Lengwil 2012. 112 Seiten, 16,90 Euro.

Autor: Hartmut Buchholz