Erzählband von Maria Bosse-Sporleder

Zu Bildern geformte Erinnerungen

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mi, 09. Januar 2013

Literatur

Maria Bosse-Sporleder hat mit "Im fünften Koffer ist das Meer" ihren ersten Erzählband vorgelegt.

Sie ist viel herumgekommen, hat viel erlebt: 1932 in Estland zur Welt gekommen, brachten Umsiedlung, Flucht und Emigration Maria Bosse-Sporleder nach Tallinn, Posen, Bad Kissingen und ins kanadische Edmonton. Später lebte sie auch in Frankreich, Finnland und den Vereinigten Staaten. Sie hat sich viel – auch beruflich – mit Sprache beschäftigt und jetzt, in Freiburg lebend, ihr erstes Buch veröffentlicht: Den Erzählband "Im fünften Koffer ist das Meer". Nach dem poetischen Titel fällt der Blick des Lesers zunächst auf ein Zitat Elias Canettis, das Bosse-Sporleder ihren Texten voranstellt: "Wirklich wird erst das Erkannte, das man zuvor erlebt hat. Ohne dass man es nennen könnte, ruht es erst in einem, dann steht es plötzlich da als Bild, und was anderen geschieht, erschafft sich in einem selbst als Erinnerung: jetzt ist es wirklich."

Dieses Zitat legt nahe: Wieder und wieder durchdacht hat die Autorin ihre Erinnerungen an Ereignisse, Menschen und Orte, an Stimmungen, Farben, Töne und Gerüche aus ihrer eigenen Vergangenheit. Bruchstückhaft sind sie gewesen, das kann ja gar nicht anders sein, doch zu Bildern haben sie sich formen lassen. Nicht immer spricht Bosse-Sporleder von "ich" oder "wir", auch das unpersönlichere "sie" kommt vor. So kann der Leser nie ganz sicher sein, wie viel Fiktion der authentischen Erinnerung beigemischt ist. Was die Erinnerung nicht schmälert.

Die Geschichten sind unterschiedlich lang – manchmal sind sie so kurz, dass es einem schwerfällt, ein dauerhaftes Interesse für diese Miniaturen aufzubringen. Fast wie eine Traumsequenz erscheint etwa die Geschichte vom Besuch beim Mieter in der estnischen Wohnung, Bosse-Sporleder sieht noch den Großvater in der Wohnung und ist doch nur mit den Problemen des heutigen Mieters befasst.

Gefangen hingegen nehmen andere Geschichten – etwa diejenige, in der Bosse-Sporleder sich Gedanken über New York macht. Ihre Besuche über viele Jahrzehnte hinweg vermischen sich, auch wenn 9/11 vordergründig den Anlass bildet. Immer wieder scheinen Situationen und Dinge auf, die auch der Leser kennt und mit der Megastadt, die sich als so verwundbar herausstellte, verbindet. Bosse-Sporleders Sprache ist klar und ohne Schnörkel, sie spiegelt ihre genaue Beobachtung, ihre Neugier und ihr Gespür für Atmosphäre.
– Maria Bosse-Sporleder: Im fünften Koffer ist das Meer. Erzählungen. Libelle Verlag, Lengwil/Konstanz 2012. 154 Seiten, 18,80 Euro.