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17. November 2009
Das Kapital entmachten
Der Lörracher Sozialkongress hatte die Finanzkrise zum Thema / Tauschringe sind sinnvoll
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Eine Schulden-Uhr an der Fassade des Steuerzahlerbundes in Wiesbaden stellt die Staatsverschuldung in Deutschland dar. Foto: Fredrik von Erichsen/ dpa
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Die Schuldenuhr in Frankfurt zeigt, wie tief die Finanz- und Wirtschaftskrise den deutschen Staatshaushalt im ersten Halbjahr in die roten Zahlen gestürzt hat. Foto: dpa
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Ulrich Duchrow, Gudrun Schemel und Michael Schmitt-Mittermeier Foto: Wieschenkämper
LÖRRACH. Geld ist mächtig, fast jeder giert nach mehr und das ganze Wirtschaftssystem ist auf ständiges Wachstum von Reichtum ausgerichtet. Die Macht des Geldes und ob es möglich ist, es zu entmachten, war Thema des 7. Lörracher Sozialkongresses, zu dem die Liga der freien Wohlfahrtsverbände im Landkreis, der evangelische Kirchenbezirk Lörrach und das katholische Dekanat Wiesental eingeladen hatten.
Der Einladung waren vor allem Vertreter von Verbänden und Wohlfahrtsorganisationen gefolgt, aber auch Gemeinderäte und Vertreter von Rathaus und Landratsamt kamen. Gudrun Schemel, Geschäftsführerin der Caritas Lörrach und Sprecherin der Liga der freien Wohlfahrtsverbände im Kreis, sagte bei der Begrüßung, dass sie auch gern Mitarbeiter von Banken oder Firmenvertreter empfangen hätte, doch von dort habe sie nur Absagen erhalten.Als Referenten haben die Organisatoren den Heidelberger Theologen Professor Ulrich Duchrow eingeladen. Angesichts der Finanzkrise, die laut Duchrow keineswegs überraschend, sondern nur überraschend spät kam, wollte der Kongress die Auswirkungen der Krise auf Mensch und Gesellschaft zeigen. Das kapitalistische System habe mit seinem ständigen Wachstumszwang zu einer Ernährungs-, Energie- Sozial- und ökologischen Krise geführt. Der Zwang, immer höhere Renditen zu erzielen, habe dazu geführt, die Löhne niedrig zu halten. Die neoliberale Politik der westlichen Regierungen stütze das kapitalistische System unter anderem mit Sozialabbau und Steuervergünstigungen im Vermögensbereich. Die internationalen Konzerne nehmen immer mehr Einfluss auf die Politik. Duchrow prophezeite: "Die nächste Krise ist vorprogrammiert."
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Durch unsere Art zu leben, zerstörten wir unsere natürliche Grundlage, was in eine Krise riesigen Ausmaßes führen müsse. Das Kapital müsste deshalb entmachtet werden, es müsse eine reale Wirtschaft entstehen, in der Geld eine öffentliche Dienstleistung ist und Spekulationsgeschäfte müssten verboten werden, "um uns aus dem Wachstumszwang zu befreien", sagte Duchrow. Dass ein Umdenken machbar ist, zeige sich in einigen lateinamerikanischen Staaten, die von Kapitalismus besonders gebeutelt waren.
In der Diskussion sagte Dietmar Ferger, dass in Brasilien ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt worden sei. Damit verliere Geld automatisch an Macht, weil die Menschen ihre Existenzängste verlieren und nicht aus Sorge, im Alter arm zu sein, immer mehr Geld anhäufen wollten. Dies bestätigte Duchrow. Er sei für ein bedingungsloses Grundeinkommen, zur Finanzierung müssten alle Einkommensarten, also auch Vermögen, besteuert werden.
Als sehr positive Ansätze sieht Duchrow alternative Tauschmittel wie den "Dreyecker", die alternative Tauschwährung im Kreis. Tauschringe seien sehr sinnvoll, da diese Menschen einbezögen, die sonst auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen hätten. In Tauschringen würde zum Beispiel eine Stunde Gartenarbeit mit einer Stunde Rollstuhlschieben gleichgesetzt, arbeitslose Menschen würden eine Wertschätzung erfahren, weil ihre Arbeit plötzlich einen Wert hat.
Duchrow betonte die Wichtigkeit von lokaler Produktion und Vermarktung besonders bei landwirtschaftlichen Produkten. Sein besonderes Lob galt dem Schönauer Elektrizitätswerken, die eine alternative Stromversorgung mit klimafreundlicher Energie realisiert haben.
Autor: Britta Wieschenkämper


