Der Himmel und die Hölle auf Erden

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mi, 20. Juni 2018

Lörrach

Thomas Weiß las aus seinem Roman über Johann Friedrich Oberlin.

LÖRRACH. Johann Peter Hebel und Johann Friedrich Oberlin – Theologen und Pädagogen waren sie beide, und neben dem ersten Vornamen verbindet sie auch das Todesjahr 1826. Begegnet sind sie sich wahrscheinlich nicht, möglicherweise haben sie jedoch voneinander gehört, denkt Thomas Weiß. Im Rahmen der literarischen Begegnungen des Hebelbundes ließ der Pfarrer, Autor und Lyriker jetzt im gut besuchten Hebelsaal des Dreiländermuseums den Elsässer wieder lebendig werden, dem er seinen 2016 erschienenen Roman "Oberlin, Waldersbach. Eine Begegnung" gewidmet hat.

Literarische Erwähnung gefunden hat Oberlin auch schon in Georg Büchners um 1835 geschriebener Erzählung "Lenz", in der er ihn den psychisch labilen Sturm und Drang-Autor Jakob Michael Reinhold Lenz beherbergen lässt. Weiß, einst Pfarrer in Kandern und heute in Baden-Baden, lässt Lenz in seinem Buch vorkommen, rückt aber sonst sowohl den Seelsorger aus dem Elsass als auch die jüngere Geschichte ins Zentrum.

Sozialreformer, Pädagoge, Pietist und Spiritist

Oberlin beschreibt er als einen, der die Ideale der französischen Revolution verteidigt, sich als Sozialreformer, Pädagoge und unter anderem als einer der Väter des Kindergartens hervortut, aber auch Pietist und Spiritist ist. In seinem Roman begleitet Weiß den 27-jährigen Kollegen bei seiner Ankunft mit Mutter und Schwester 1767 an seiner neuen Pfarrstelle in dem bei Schirmeck im nördlichen Elsass gelegenen Dorf Waldersbach im Steintal. Er erzählt von den Dorfbewohnern und ihren Besonderheiten, macht unter anderem aber auch den Mord an einem Juden zum Thema, von dem frühere Oberlin-Biografen berichten.

Thomas Weiß kann neben seinem Pfarrberuf auf eine beachtliche Publikationsliste blicken. Derzeit bereitet er seine nächste Arbeit vor, diesmal wieder über Johann Peter Hebel. Im Oberlin-Roman schlägt er den Bogen vom Judenmord im Steintal aus bewusst noch sehr viel weiter. In unmittelbarer Nähe zu Oberlins Pfarrei werden rund anderthalb Jahrhunderte später die Nazis das KZ Natzweiler-Struthof (1941 bis 1944) errichten, das, daran erinnerte in seiner Einführung der Hebelbund-Vorsitzende Volker Habermaier, knapp die Hälfte der 50 000 Gefangenen nicht überlebten. Weiß gibt in seinem Roman dem jüdischen fliegenden Händler, der an Oberlins Wirkungsstätte im 19. Jahrhundert beraubt und erschlagen wurde, einen Namen. Er erzählt aber auch die Geschichte des KZ-Gefangenen Erich Berghauser, der es eines Morgens nicht mehr zum Appell schafft und, um nicht sofort ermordet zu werden, dorthin von seinem Mitgefangenen Louis Schnellauf getragen wird. Zwar ist der "Schnell" genannte Mithäftling seinerseits am Rande des Zusammenbruchs und riskiert durch seine Tat ebenfalls den Tod. Aber, so beschreibt ihn Weiß: "Der Schnell wusste nur, dass er sich nicht so weit erniedrigen lassen wollte, kein Mensch mehr zu sein. Das war der Widerstand, zu dem er gerade noch fähig war."

Oberlin habe im Sinn gehabt, in seiner Gemeinde im Steintal paradiesische Verhältnisse zu errichten, während in wenigen Kilometern Entfernung später das absolute Gegenteil Wirklichkeit werden wird, konstatiert Weiß: "Hier der Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten, dort die Hölle auf Erden."

Als evangelischer Pfarrer versucht er schließlich auf die oft gestellte Frage eine Antwort zu finden, wie denn ein Gott, so es ihn gäbe, solche Monstrosität hätte zulassen können. Er tritt als Erzähler selbst auf, um seine Version literarisch mit Oberlin zu teilen. Dem hatte er zuvor, als es noch um den Judenmord in seiner Zeit ging, eine blinde Dorfbewohnerin vom "Nachtheil" erzählen lassen, einer furchtbaren Figur, zu der jeder werden könne, ohne dass man es ihm (oder ihr) rein äußerlich ansehe. Ein "Nachtheil" quäle und morde die Menschen einfach "weil der die Macht hat", warnt die blinde Seherin, nur weil er es könne. Dass diese Figur mehr als eine Sagengestalt ist, daran bleiben keine Zeile lang Zweifel.