Einen Sonnenaufgang zu viel verschlafen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 04. Juni 2018

Lörrach

Literarisch-musikalische Reise zu "Schweizerreise. Johann Peter Hebel unterwegs als Aufklärer".

LÖRRACH. Vergnüglicher hätte sich die literarische Schweizerreise mit Musik, zu der der Hebelbund gestern ins Lörracher Dreiländermuseum eingeladen hatte, kaum einleiten lassen: Jeremias Gotthelfs "Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz" von 1846, den die Kulturwissenschaftlerin Helen Liebendörfer zum Auftakt ausgewählt hatte, jongliert mit solcher Freude, mit allem auch nur vorstellbaren Unwissen über ein fremdes Land, in diesem Fall die Schweiz, dass dagegen jede aktuelle Ignoranz-Variante verblasst.

So wundert sich Gotthelfs Titelfigur nicht nur darüber, dass die Schweiz offenbar mehr als einen Ein- und Ausgang habe, sondern auch darüber, dass alles so unverändert erscheint, dass der Wandernde zu zweifeln beginnt, ob er nicht schon vorbeigelaufen sei. In Basel angekommen, vermisst Gotthelfs Jacob Männer mit Hellebarden ebenso wie Kühe und Lawinenabgänge, während die Zuhörer im sehr gut besuchten Hebelsaal schon bedauern, nur einen Auszug gehört zu haben und sich vornehmen, diesen 1797 in Murten geborenen Pfarrerssohn doch einmal wieder zu lesen. Der Vormittag blieb so anregend, wie er angefangen hatte. Dafür bürgte seinerseits Frieder Liebendörfer am Klavier, der die Lesungen seiner Frau, angefangen mit einem Menuett aus eigener Feder über Johann Peter Hebels und Franz Wilhelm Abts "Z’Basel an mym Rhy", musikalisch hinterlegte.

Der Dirigent und Musikpädagoge schlug den Bogen von virtuos bis verblüffend, wenn er etwa auf Beethoven und Schubert eine Komposition von Friedrich Nietzsche folgen ließ, mit dem Guggisbergerlied mit leichter Hand auch ein Schweizer Volkslied würdigte, um schließlich mit Felix Mendelssohn Bartholdys "Lied ohne Worte" den berührenden Schlusspunkt zu setzen. Der 1809 in Hamburg geborene Komponist, der als 21-Jähriger eine Schweizerreise vom Wallis bis an den Bodensee unternommen und darüber Tagebuch geführt hatte, wanderte zuletzt bei mehrtägig strömendem Regen. Die Stimmung ließ sich Mendelssohn, der nur 38 Jahre alt werden sollte, als Kind der Romantik nicht verderben. Nachdenklich blieb er gleichwohl und schrieb 1830 unter anderem in seinen Aufzeichnungen: "Die Zeit ist so böse, da brauchen wir es nicht zu sein."

Ausgewählt hatte Helen Liebendörfer für ihr Programm auch zwei Literaturnobelpreisträger, den 1845 in Liestal geborenen Carl Spitteler, der den Preis 1919 bekam, und den 1877 in Calw im Nordschwarzwald geborenen Hermann Hesse, dem die Ehre 1946 zuerkannt wurde. Während Spittelers Text sich über eine Fahrt durch den 1882 eröffneten Gotthardtunnel auslässt, begegnet man bei Hesse, der seit 1919 im Tessin lebte, einem wütenden Autor, der von landschaftlicher Unberührtheit und Ruhe träumt und darüber einfallende Touristenströme verflucht. Die Gäste fänden alles reizend und entzückend und merkten dabei nicht, wie sie auch noch das allerletzte Paradies zerstörten. Was Hesse schon 1928 entsetzt, sind Bauwut, Menschenmassen und Autolawinen. Hesse bleibt mit seiner Wut in diesem Programm indes weitgehend allein.

Goethe, an dem in diesem Umfeld auch kein Alpenpass vorbeiführt – schließlich hat er das Land mehrfach bereist und sich darüber literarisch geäußert – kommt etwas atemlos vor. Der Amerikaner Mark Twain, seinerseits bei einer Rigi-Besteigung sportlich überanstrengt, bringt das Lachen zurück, das bekanntlich am besten über sich selbst gelingt. Mit einem Begleiter will der 1835 in Florida, Missouri, geborene Autor den Sonnenaufgang als touristisches Pflichtprogramm erleben. Die beiden kommen jedoch so erschöpft an ihrem Zielort an, dass sie viel zu lange schlafen und dann auch viel zu spät merken, dass die Sonne soeben gar nicht auf-, sondern untergeht.